"Die Zukunft ist bunt" Predigt im ökumenischen Gottesdienst zum CSD CityKirche Konkordien Mannheim 14. August 2010 von Pfarrer Peter Annweiler
Predigt im ökumenischen Gottesdienst zum CSD
CityKirche Konkordien Mannheim
14. August 2010
Pfarrer Peter Annweiler
Genesis 9, 8-17 (GNB)
Weiter sagte Gott zu Noah und seinen Söhnen:
Ich schließe meinen Bund mit euch und mit euren Nachkommen und auch mit allen Tieren, die bei euch in der Arche waren und künftig mit euch auf der Erde leben,
den Vögeln, den Landtieren und allen kriechenden Tieren.
Ich gebe euch die feste Zusage: Ich will das Leben nicht ein zweites Mal vernichten. Die Flut soll nicht noch einmal über die Erde hereinbrechen.
Das ist der Bund, den ich für alle Zeiten mit euch und mit allen lebenden Wesen bei euch schließe. Als Zeichen dafür setze ich meinen Bogen in die Wolken. Er ist der sichtbare Garant für die Zusage, die ich der Erde mache.
Jedesmal, wenn ich Regenwolken über der Erde zusammen ziehe, soll der Bogen in den Wolken erscheinen und dann will ich an das Versprechen denken, das ich euch und allen lebenden Wesen gegeben habe: Nie soll das Wasser zu einer Flut werden, die alles Leben vernichtet.
Der Bogen wird in den Wolken stehen, und wenn ich ihn sehe, wird er mich an den ewigen Bund erinnern, den ich mit allen lebenden Wesen auf der Erde geschlossen habe.
Dieser Bogen, sagte Gott zu Noah, ist das Zeichen für den Bund, den ich jetzt mit allen lebenden Wesen auf der Erde schließe.
(1)
Vielleicht, liebe Gemeinde beim CSD, scheint es manchen gewagt, heute einen Text auszulegen, der mit dem Thema Flut zusammenhängt. In dieser Woche haben wir ja auch die Bilder vom Hochwasser in Sachsen und der schrecklichen Flut in Pakistan sehen müssen.
Dennoch haben wir dieses Motiv ausgesucht.
Denn auch der CSD hat damals, vor 41 Jahren mit einer Flut angefangen. Mit einer Flut von Verhaftungen und einer Protestwelle in New York hat es begonnen.
Auf beides beziehen wir uns heute und können gar nicht anders als an die lange Geschichte einer Vernichtungsflut gegenüber homosexuellen Menschen zu denken.
(2)
Wenn über viele Jahrhunderte Homosexualität als widernatürliche Sünde bezeichnet wurde,
wenn Schwule im Dritten Reich ins KZ gesperrt wurden,
wenn ein Paragraph 175 homosexuelle Handlungen bis 1969 strafbar machte,
wenn in manchen afrikanischen und asiatischen Ländern bis heute die Todesstrafe auf homosexuelle Handlungen steht,
dann ist all dies Ausdruck einer Vernichtungsflut und wut,
die gleichgeschlechtlich orientierte Menschen getroffen hat und trifft. Dazu gesellen sich dann Unwissen, Vorurteile und manchmal blanker Hass.
Bis heute müssen deshalb Schwule und Lesben hören, Homosexualität sei der Untergang des christlichen Abendlands.
Bis heute müssen manche Angst haben, sich in ihrem Kollegen- oder Familienkreis zu outen,
Bis heute gibt es einen dumpfen homophoben Bodensatz,
wie der NPD-Aufruf zur Gegendemo in Ludwigshafen zeigt: Unter dem Motto Normal ist anders ist dort eine Demo für die deutsche Familie gegen den Willen der Stadt Ludwigshafen erzwungen und dann doch von den Veranstaltern abgesagt worden.
Allemal gilt: Die Flut der Vorurteile, der Spuren von Verfolgung ist lang und gehört bei weitem nicht der Vergangenheit an. Immer noch beklagen wir weltweit viel zu viele Opfer dieser Vernichtungs- und Zerstörungswelle.
(3)
Die Wassermassen der Sintflutgeschichte freilich kommen zunächst ganz anders daher: Sie ertränken keine Opfer. Sondern die Menschen, die die Sintflutgeschichte erzählen, empfinden die Flut als von Gott geschickt, weil der Mensch aus dem Ruder läuft. Gott, der den Menschen ja in seiner Zugewandtheit und seiner Liebe geschaffen hat, ist über die Abgewandtheit seines Geschöpfes entsetzt. Die Verzweiflung und der Zorn darüber, so erzählt die Bibel, treibt ihn in ein Schwarz-Weiß-Denken. Die Menschen sind allesamt Sünder, böse ist ihr Trachten von Jugend an, und alle widersetzten sich Gott. Nur einer sollte gerettet und erwählt werden: Noah der Gerechte, der einzige Heilige, mit seiner Arche, seiner Familie und den Tieren.
Und mit seiner Errettung, erzählen die ersten Kapitel der Bibel weiter, hat sich dann etwas in der Haltung Gottes verändert. Gott bereut die Zerstörung der Sintflut !
Für den Erzähler ist es, als ob Gott selbst hier mehr Farbe und Weite gewinnt. Denn er lässt Gott seine Zuwendung zu den Menschen in einen neuen Rahmen stellen: Gottes Liebe bleibt unabhängig vom Verhalten der Menschen bestehen. Eine totale Vernichtung soll nicht mehr vorkommen. Das bunte Zukunftszeichen dieser Zuwendung ist der Regenbogen, der doch die Eindimensionalität des Lichts bricht und die Vielfalt der Spektralfarben frei setzt.
Das Zeichen des Regenbogens markiert für mich deshalb das Ende des Schwarz-Weiß-Denkens, das Ende einer farbenlosen Archaik, die auch durch jede Form von Homophobie hindurchschimmert.
Der Regenbogen führt zur Vielfalt. Auch zur Wahrnehmung der vielen Dimensionen des Menschseins. Der Mensch bleibt auch nach der Sintflut weiter fehlbar. Aber seine Fehlbarkeit steht neben seinen Begabungen: Sie steht neben der Gottebenbildlichkeit, neben der Fähigkeit zur Liebe, zu Toleranz und zu Frieden, zum Kult und zur Kultur.
Der biblische Regenbogen markiert die Eröffnung einer Zukunft, die das Schwarz-Weiß-Denken hinter sich gelassen hat: Gottes Zukunft für uns Menschen befähigt uns, vielfältig unterschiedlich und bunt zu sein.
Auch wir Menschen sind deswegen befreit von einer schwarz-weiß Zuschreibung, entweder Sünder oder Gerechte, Perverse oder Normale, Treue oder Promiske zu sein.
Wir sind immer beides, legt der Regenbogen nahe. Wir tragen die Fähigkeit zu beidem in uns, zu Gutem und zu Schlechtem.
(4)
Und viel zu lange hat es gedauert, bis diese theologische Selbstverständlichkeit auch deutlich und hörbar für Lesben und Schwule ausgesprochen wurde. Viel zu lange gab und gibt es hier einen Rückfall in dieses alte Schwarz-Weiß-Denken, das hinter jedem Fundamentalismus und jeder Homophobie steckt:
Eben dass gleichgeschlechtlich Orientierte nicht normal, gesund und anständig sein können, sondern immer abnorm, krank und pervers seien.
Viel zu lange hat es gedauert, bis Rosa von Praunheims Satz sich bewahrheitet hat: Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Gesellschaft, in der er lebt.
Viel zu lange hat es gedauert, bis 1969 nach der Polizeirazzia in der Christopher Street Schwule begannen, sich nicht mehr alles gefallen zu lassen.
Seither hat sich ja in unserem westlichen Kontext doch vieles entwickelt: Wir konnten uns befreien aus den Zuschreibungen des alten Schwarz-Weiß-Denkens.
Wir konnten entdecken, dass wir Farbe ins Leben bringen, dass wir eine Bereicherung für die Gesellschaft und für unsere Kirchen sind.
Für manche ist diese Buntheit allerdings immer noch weit entfernt: Wir brauchen da gar nicht bis nach Ägypten oder Malaysia zu gehen. Ein Gespräch mit einem Mannheimer Schwulen mit Migrationshintergrund mag dazu ausreichen, erneut von dem Schwarz-Weiß-Denken in Familien zu hören, die gleichgeschlechtlich Orientierten eher den Tod als ein glückliches Leben wünschen.
Auch deswegen ist es wichtig, dass es den CSD gibt: Nicht nur als eine schrille Party, die manchen Beobachter verschrecken mag. Sondern auch als einen Aufruf, einen Aufschrei, endlich die alte Schwarz-Weiß-Optik zu überwinden und eine Buntheit des Lebens zuzulassen.
Und dazu passt es, einen Gottesdienst zu feiern, in dem wir aussprechen, was zumindest auf meinem evangelischen Fundament - selbstverständlich ist und wo doch oft genug drum herum gedruckst wird: wird: Dass gleichgeschlechtliche Orientierung selbstverständlich zu Gottes guter Schöpfung gehört und nicht pauschal ins Reich der Sünde.
Im Zeichen des Regenbogens verlassen wir uns heute darauf: Gottes Zukunft mit uns ist bunt. Bunter jedenfalls als es die mühsamen kirchlichen Verständigungsversuche über Homosexualität manchmal vermuten lassen.
Gottes Zukunft ist bunt. Das ist uns beim heutigen CSD im Zeichen des Regenbogens Zuspruch und Anspruch zugleich.
Amen.
[ Eintrag von: Ekma ]