Zur 14. Mannheimer Vesperkirche kommen vom 6. Januar bis 6. Februar 2011 täglich bis zu 450 Gäste. Für manche von ihnen trägt die CityKirche Konkordien, in der Mittagessen, Beratung und Raum für Begegnungen geboten sind, den "Adelstitel Vesperkirche". Pfarrerin Ilka Sobottke eröffnete die Vesperkirche, die von der Predigtreihe "bereichert" begleitet wird, am Dreikönigstag mit einem Gottesdienst.
Eröffnung der Vesperkirche 2011
Mannheim CityKirche Konkordien
Predigt zu Joh 1, 15-18
Ihr Lieben, die 14. Vesperkirche, der erste Tag. Alles wie immer und wie immer alles neu. Die Tische stehen wo sonst Bänke sind, etwas unordentlich wirken sie an den Kirchenseiten. Blümchen stehen da und auch schon Kerzen. Das Essen ist hoffentlich fertig.
Heute werden wir zum zweiten Mal erleben, wie die Mannheimer Gourmet Köche mit Bert Schreiber für die Vesperkirche kochen. Nicht nur ihre Zeit und Arbeit sondern das ganze Essen schenken sie uns. So bereichert waren sie im letzten Jahr, dass sie erzählt haben, sie hätten sich nur gefragt, wieso sie das nicht schon längst gemacht haben und nie haben sie für so dankbare Esser gekocht, wie hier bei uns in der Vesperkirche.
Seit Tagen werkeln Haupt- und Ehrenamtliche in der Kirche, um sie zu verwandeln, um Platz zu schaffen, Platz für Leute die beieinander sitzen wollen und dürfen und essen und zueinander finden und miteinander reden. Alles wie immer und immer noch alles neu. Und wer es noch nicht erlebt hat, kann es sich nicht vorstellen. Die Journalistin am Telefon fragt nach: Und wohin gehen dann die Leute zum Essen, wo ist dann der Saal? Und die Pfarrers-Kollegen bei der Konferenz fragen nach: Und wie finden das dann die Kirchenvorstände? Und die Kirchenleitung hat die das einfach erlaubt? Und gibt es dann nicht Konflikte? Und wie kontrolliert ihr das, wer da reinkommt, gibt es da keinen Missbrauch?
Für uns in der 14. Vesperkirche ist alles wie immer. Wie immer wenn die Kirche zur Vesperkirche wird. Einer der Besucher im Diakoniepunkt sagt immer wieder zu mir: Ich war wieder drüben, in der Kirche, in der Vesperkirche. Längst hat für ihn die Kirche einen neuen Namen oder vielmehr einen Titel, wie einen Adelstitel: Vesperkirche.
Nichts von dem was wir hier erleben ist selbstverständlich, nicht in unserer Gesellschaft
und leider auch nicht immer in unserer Kirche. Das fängt mit dem Phänomen an, dass hier mehr Leute helfen wollen als helfen können und mancher sich den Finger wundtelefoniert, um dabei zu sein, selbst der ehemalige Oberbürgermeister Herr Widder. Es geht damit weiter, dass es uns gelingt genug Spenden zu bekommen, jedes Jahr aufs Neue, auch wenn dieses Jahr bei Kuchen und Süßigkeiten ein Engpass aufgetaucht ist. Kleine Spenden werden vorbeigebracht von Leuten, die selbst nicht viel haben, eine Tüte Kaffe ein übriger Weihnachts-stollen Große Spenden kommen von Firmen in denen Mitarbeiter auf das Weihnachtsgeschenk verzichten zugunsten der Vesperkirche
Und dann geschieht das, was mich am meisten berührt, denn das ist es, was sonst am schwierigsten ist: Die Vesperkirche wird zur Brücke zwischen den Welten, die sonst immer weiter auseinander brechen und so zur Brücke zwischen unserer Wirklichkeit und Gottes Gerechtigkeit. Da kommen Menschen zusammen und teilen Zeit und sind aufmerksam füreinander, die sonst eher mit Missbilligung aufeinander schauen würden: Banker und Obdachlose, Junkies und erfolgreiche Managerinnen, die Frau die vor vielen Jahren als Heimkind geprügelt wurde und nie wirklich auf die Füße gekommen ist und der Konzertmeister.
Menschen die in Armut leben und Menschen die Macht haben, die einen die meistens keinen richtigen Job finden und andere die sich von einer hoch bezahlten Arbeit frei nehmen, um hier etwas zu verstehen, um auf die Seite andere zu schaun.
Die einen bekommen mehr als ein Essen und fühlen sich auf einmal beborgen, verlieren etwas von der Angst vor Morgen und etwas von der Scham für alle Tage, in denen das Geld nicht reicht. Ein andrer nimmt sich Zeit zuzuhören und versteht auf einmal, wie viel in seinem Leben geschenkt ist und ist tief beschämt oder einfach berührt, wie der Mann, der in der Heiligen Nacht in der Kirche war zum helfen und sich unterhalten hat mit der Frau die drei Tage nichts gegessen hatte als Brot mit Margarine.
In der Begegnung findet der eine und die andere zu sich selbst. Oder einen neuen Stern, eine neue Richtung und einer wie die andere geht bereichert wieder nach Hause, ganz gleich, ob das die Villa in de Oststadt oder das Wohnheim in der Bonadier-straße ist oder der Schlafplatz auf dem Heizungs-schacht.
Der Predigttext für den heutigen Epiphanias-sonntag gibt das Zeugnis Johannes des Täufers über Jesus Christus wieder, das Zeugnis der Menschwerdung Gottes und erklärt: Dieser war es, von dem ich gesagt habe: Nach mir wird kommen, der vor mir gewesen ist; denn er war eher als ich. Und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. Denn die Tora ist durch Mose gegeben und die Gnade und die Wahrheit durch Jesus Christus. Niemand hat Gott je gesehen. Der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, der hat ihn uns verkündigt.
Von seiner Fülle haben wir genommen Gnade um Gnade. Gnade ist es, Gottes Geschenk das direkt aus dem Himmel fällt, wenn wir die Angst überwinden und auf die andere Seite schauen, wenn wir uns die Zumutung antun, uns verunsichern zu lassen von der Geschichte eines anderen, wenn wir uns ermutigen lassen von der Aufmerksamkeit und der Freundlichkeit.
Heute kann es passieren, dass ihr mit einem Engel am Tisch sitzt oder mit Gott selbst, Mensch geworden. Heute bricht die Vesperkirche wieder alle Regeln der Normalität und richtet eine neue Selbstverständlichkeit auf. Nichts ist wunderbarer, als wenn es uns gelingt, nicht immer das Normale zu fordern, sondern unsere Herzen weit öffnen: großzügig, neugierig, heiter und spüren wie viel Geborgenheit die Gemeinschaft dieser Kirche uns allen bietet. Egal ob verbiestert vor Besserwisserei oder dauernervös oder allzu inspiriert, ob stoned vor Medikamenten oder einfach nur unsäglich erschöpft von den Nächten in der Straßenbahn und dem täglichen Überlebenskampf, es ist hier Platz für alle alle die anderen keine Angst machen.
Die Vesperkirche hat die Mauern unserer Kirche und unserer Seelen geweitet. Müsste doch eigentlich alles längst aus allen Nähten platzen. Aber obwohl immer mehr Leute hier sind, ist die Stimmung immer entspannter, weil die Herzen, und der Verstand weiter sind, weiter in Vertrauen und Dankbarkeit. In diese Weite üben wir uns nun wieder ein. Aus der Fülle unseres Retters Jesus Christus nehmen wir die Gnade dieser Weite voll Dankbarkeit an. Christus lebt in Gottes Schoß, mütterlich geborgen, wie er vertrauen wir uns Gott an. Dann wird so viel Wunderbares geschehen, irgendwie selbstverständlich in dieser verrückten Zeit an diesem verrückten Ort, in der Vesperkirche! Wo alle dabei sein und helfen wollen: Ehrenamtliche, manche schon seit Jahren dabei, Udo Scholz mit den Adlern, Bert Schreiber mit seinen Chuchis, Hans Oskar Koch mit dem Kurpfälzer Kammerorchester, Peter Baltruschat und Thorsten Riehle mit Künstlerinnen und Künstlern von Capitol und Schatzkistl, Johanniter und Ärzte und alle anderen die hoffentlich nächstes Jahr jemand am Telefon erreichen und alle, die vor der Tür warten, unsere Kantorei und die Erzieherinnen von der KITA, alle die helfen und alle, die einfach da sind.
Lasst euch fallen in die Weite der Gnade aus der Fülle Gottes. Wir werden nicht die Welt verändern, nicht die Politik unseres Landes, wahrscheinlich nicht einmal die Politik unserer Stadt, aber es werden wieder Wunder geschehen und vielleicht ändert sich dann doch etwas. Gott wird das Dach der Kirche heben und ihr werdet die Engel singen hören zwischen Brötchen schmieren und Kaffee kochen! Heute kann es passieren! Das schenke euch Frieden inmitten allen Unfriedens und aller Ungerechtigkeit dieser Welt, den Frieden Gottes der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen
Ilka Sobottke, 6.1.2011
[ Eintrag von: Ekma ]