Mitten in der Stadt und mitten im Leben wirkt die CityKirche Konkordien in R2 seit nunmehr zehn Jahren. Beim festlichen Jubiläumsgottesdienst am 17. April 2011 hielt Pfarrer Peter Annweiler eine Predigt - "l(i)ebenswert":
l(i)ebenswert
Predigt zu Markus 14, 3-9
im Festgottesdienst Zehn Jahre CityKirche Konkordien
17. April 2011
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und dem, der da war und dem, der da kommt. Amen
Der für den heutigen Sonntag vorgeschlagene Predigttext ist aufgeschrieben beim Evangelisten Markus im 14. Kapitel. Ich lese die Verse 3 bis 9.
Als Jesus in Bethanien im Haus Simons des Aussätzigen war und zu Tisch lag, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit reinem und kostbarem Öl zum Salben. Sie zerbrach das Glas und goß das Öl auf sein Haupt.
Da wurden einige unwillig und sprachen zueinander:
Was soll diese Vergeudung des Salböls? Dieses Öl hätten wir für mehr als 300 Denare verkaufen und das Geld den Armen geben können. Und sie fuhren die Frau an.
Jesus aber erwiderte: Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn arme Menschen habt ihr allezeit bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.
Sie hat getan, was sie konnte. Sie hat meinen Leib im Voraus für mein Begräbnis gesalbt. Amen ich sage euch: Überall auf der Erde, wo das Evangelium verkündigt wird, da werden Menschen auch davon erzählen, was diese Frau heute getan hat und zu ihrem Gedächtnis wird man das weitersagen, was sie heute getan hat.
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Mannheim ist nicht immer vorne, liebe Gemeinde.
In der letzten Woche ist eine Erhebung erschienen, die einmal mehr einen traurigen letzten Platz Mannheims verdeutlicht. Unsere Stadt ist nach der neuesten Erhebung der Bertelsmannstiftung wieder Schlusslicht. Im reichsten Bundesland der Republik hat Mannheim schon lange den beschämenden letzten Platz inne: Im Feld der Kinderarmut. 21,2 % der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren leben hier von Hartz IV. Das sind 9000 Kinder und Jugendliche.
Ein Skandal, der seit Jahren bekannt ist und bei dem sich auch durch das Wirtschaftswachstum statistisch kaum etwas verändert.
Einige von den 9000 jungen Menschen sind uns hier bekannt. Sie heißen Jaqueline und Ayshe, Kevin oder Dimitri. Und sie wohnen ganz in der Nähe in den Quadraten. Immer wieder kommen sie samstags zum Kinderfrühstück, weil es dort was zu essen gibt und eine Zuwendung, die ihnen gefällt.
Wenn sie dann mal so alt sind, dass sie in den Konfirmandenunterricht gehen könnten, dann tun sie das kaum: Zum einen, weil sie meist nicht evangelisch sind. Und selbst wenn sie es sind, dann sind ist es für sie zu schwer, sich schriftlich anzumelden und Termine einzuhalten. Dazu kommt dann noch: Ihre Eltern haben weder Mittel noch Erfahrung, ein Familienfest auszurichten.
Und so kann sich schnell wiederholen, was oft schon die Eltern geprägt hat: Ein Leben, das keine aktive Teilhabe an der Gesellschaft findet, sondern von ihrer Fürsorge abhängig bleibt.
9000 arme Kinder und Jugendliche in unserer Stadt ein Skandal, der aufrütteln muss.
In Zeiten, in denen es umstritten ist, den Hartz IV Satz um 5 zu erhöhen, es aber eine alternativlose Notwendigkeit ist, den Rettungsschirm für die angeschlagenen Euroländer mal eben um 50 Milliarden Euro zu erhöhen, ist und bleibt es ungeheuer brisant, hartnäckig nachzufragen, wie wir in unserem Land mit den Armen umgehen. Mehr noch: Es bleibt aktuell, zu fragen: Wie bekommen die Armen ihr Recht, wie bekommen sie ihr Geld?
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Diese Brisanz ist nichts Neues:
Das Geld hätten wir auch den Armen geben können.
sagen die rechnenden JesusAnhänger über die Frau, die in ihren Augen ein Vermögen verschwendet hat. Der Wert des teuren Öls wird von Fachleuten auf das Jahreseinkommen eines Arbeiters geschätzt.
Klar, dass diese Verschwendung der namenlosen Frau die Gemüter erregt. Ein Vermögen dafür einzusetzen, einen besitzlosen Wanderprediger zu salben, der nach eigenem Bekunden Reichtum für gefährlich hält und die Armen selig preist das erscheint verrückt. Was hätte man mit dem Geld nicht Besseres machen können: Einer Schulklasse im sozialen Brennpunkt würden wir heute damit ein Jahr lang Ausflüge, warme Mittagessen und Musikunterricht finanzieren. Und so stelle ich mir vor: Es sind gerade die angesehenen Männer, die sozial Engagierten, die verantwortlich Denkenden, die sich empören und den Einspruch formulieren: Stoppt die Verschwendung und gebt das Geld den Armen!
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Der Einwand ist berechtigt, und doch: Die, die gegen die Frau protestieren, verstehen gar nichts. Sie sind gefangen in einem Blick des Rechnens. In der Ethik der Arithmetik. In der Welt des Geldes.
Und damit wir nicht in diese Falle tappen, nur im Rechnen und Kalkulieren, im Reich der Ideologien und Statistiken stecken zu bleiben deshalb ist diese Geschichte im Evangelium aufgeschrieben. Deshalb wird sie an den Beginn der Karwoche gestellt. Und deshalb ist diese Begegnung ja auch von Jesus so unglaublich aufgewertet: Überall auf der Erde, wo das Evangelium verkündigt wird, da werden Menschen auch davon erzählen, was diese Frau heute getan hat und zu ihrem Gedächtnis wird man das weitersagen, was sie getan hat.
Die Frau hat ja eigentlich nichts weiter getan als die Logik des Rechnens zu durchbrechen. Sie hat Überfluss verströmt. Und das aber mit Herz und allen Sinnen. Sie hat mit den Augen und dem Ethos der Liebe gehandelt. Sie hat einen Moment der Hingabe gelebt und berechende Vor-Sicht zurück gestellt. Sie hat einem Todgeweihten etwas Gutes getan.
Unkonventionell, erfrischend und empathisch geht sie auf Jesus zu, ist ihm verbunden in dieser achtsamen und Konventionen sprengenden LebensArt.
Und Jesus ? - Der lässt sich das alles gefallen. Er lässt sich beschenken angesichts von Todesdrohungen und aufkommenden Intrigen, angesichts einer Welt, die Armut und politische Skandale atmet. Wohlriechender Duft breitet sich statt dem Gestank von Verrat und Korruption aus. Inmitten von Ungerechtigkeit, inmitten von Lügen und Scheinwahrheiten weiten sich Herz und Sinne an dieser duftenden Salbung. Das eigentlich Besondere ist dabei für mich die Art, wie Jesus sich beschenken lässt: Die Hingabe der Frau kann er aushalten, annehmen und wertschätzen.
Vielleicht kann er das, weil die Geste der Frau zeigt: Da hat eine seine Mission bis auf den tiefsten Grund erfasst. Denn da ist einer, der sich ganz hingibt. Der das Rechnen und Kalkulieren ganz aufgibt, der sich bedingungslos Gott hingibt, in dem tiefsten Vertrauen, das es gibt: Dass eben auch in den bittersten Lebensniederlagen, in den tiefsten Tiefpunkten, eben auch im Tod, Gottes Gegenwart weiter trägt und verwandelt.
In diesem Vertrauen ist der Palmsonntag verankert, liebe Gemeinde. In dieser Perspektive liegt dann auch die Kar- und Osterwoche vor uns. Sie will uns erneut nahe bringen:
Da gibt es in der Hingabe Jesu eine verwandelnde Kraft. Eine Kraft, die aus dem Ende einen neuen Anfang werden lässt. Eine Kraft, die die Logik des Rechnens und Kalkulierens endgültig durchkreuzt und die das Leben heiligt.
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Und wer diese Kraft erahnt, wer ihr gar vertraut, der ist weit davon entfernt, die Augen im Sinn einer geistlichen Wellness-Kur vor der Welt und ihren Themen zu verschließen. Der Theologe Johann Baptist Metz beschreibt das Christentum als eine Mystik der offenen Augen. Und mit diesen Augen sehen wir in der Karwoche beides: Wie da einer an der Welt wie sie ist, stirbt. Wir sehen mit ihm die verstrahlte Kreatur, das Leiden von Menschen, Tieren und Pflanzen in Japan: Grausame Zeichen einer dem Tod verfallenen Welt und des Irrwegs einer nicht beherrschbaren Technologie. Aber - angesichts des mutigen und liebevollen Handelns der Frau in Bethanien ahnen wir: Die Kapitulation vor der Not und dem Tod ist nicht der richtige Weg. Auch wenn es weiterhin Not und Tod geben wird: Es gibt schon jetzt Hinweise auf die österlicher Fülle des Lebens, die das tödliche Rechnen von Sieg und Niederlage überwindet. Und so gilt auch angesichts der Armut, angesichts der geschundenen Schöpfung: Ohne Liebe bleibt alle Fürsorge kalt. Ohne Schönheit und Ästhetik der Sinne bleibt alles Sozialverhalten steril. Und deswegen gilt auch: Nur mit Untersuchungen und Appellen lässt sich keine Kinderarmut bekämpfen. Nur mit der Angst vor höheren Strompreisen lässt sich kein Ausstieg aus der Kernkraft bewältigen.
Es braucht eine Liebe zum Leben, die sich berühren lässt auch vom Leiden. Es braucht eine Liebe zum Leben, die Herz, Geist und Sinne berührt. Denn wir sind überzeugt: Gottes Fülle lässt sich nicht begrenzen. Sie umfasst den ganzen Menschen, sie zielt auf alle Menschen, ob sie arm sind oder reich, ob sie klein sind oder groß, ob sie studieren oder ohne Schulabschluss sind, ob sie gläubig sind oder nicht.
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Es ist ein Zeichen von lebendiger Kirche, wenn diese Vielfalt erfahrbar wird. Hier an der CityKirche Konkordien sind wir dankbar, dass dies in den letzten zehn Jahren immer wieder spürbar geworden ist. Hier kommen unterschiedliche Bereiche zusammen, die sich sonst oft auseinander entwickelt haben. Oft hören wir: Vesperkirche und anspruchsvolle Kunstprojekte das geht doch nicht zusammen. Ja, bitte schön: Sollen denn die Künste nur für die Reichen und Gebildeten da sein? Sollen Kirchenräume nur noch denen offen stehen, die artig ihr Konfirmandenwissen aufsagen können?
Zehn Jahre CityKirche Konkordien zeigen: Kunst und Gotteshaus, Diakonie und interreligiöser Dialog können gut und bereichernd mit einander auskommen. Sicher auch deswegen, weil in Mannheimer Quadraten so vieles auf engem Raum neben einander existiert: Hochkultur und Armut. Spuren der Tradition und Herausforderungen durch Migration und interreligösen Dialog.
Und gerade deshalb ist es hier mitten im Leben und mitten in den Quadraten die Aufgabe einer Citykirche, zu einem besseren Miteinander beizutragen. Dafür muss Kirche Räume der Begegnung bieten, sonst hört sie auf, Kirche für die anderen zu sein. Sonst wird sie Vereins- und Wohlfühlkirche, schreibt die Milieu- und Schubladensortierung der Gesellschaft weiter, ohne ihr eine Vision von versöhnter und zivilisierter Verschiedenheit entgegenzuhalten.
Der Künstler Michael Volkmer zeigt mit seiner Installation LAMINA SACRA, wie gut das gehen kann: Zum einen verdeutlicht er mit der Verwandlung von ganz alltäglichen Radzierblenden in eine gotisch anmutende Rosette, wie verwoben Alltag und geistliche Formen sein können. Zum anderen hat er mit dem Titel seiner Installation auch einen Bezug zur Vesperkirche hergestellt. Denn LAMINA SACRA, zu deutsch: Heilige Scheibe, heiliges Blech, eben: Heilig´s Blechle, hat einen Hintergrund, den viele nicht kennen: Das Heilige Blech ist nämlich ursprünglich keine übertragene Bezeichnung für das Automobil. Es ist vielmehr nach dem dreissigjährigen Krieg ein Ausweis für Arme gewesen, der zum Betteln berechtigte, der die anderen zur Großzügigkeit aufforderte. Wer ein Heiligs Blechle trug, war bedürftig und gesellschaftsfähig zugleich.
Hier in der Citykirche Konkordien ist ein Raum, in dem das auch heute möglich ist: Wer bedürftig oder ein wenig schräg ist, ist hier willkommen und gesellschafts- oder kirchenfähig. Ganz einfach hat das einer unserer Stammgäste ausgedrückt, der vor einem halben Jahr zum ersten Mal die neue Altarraumgestaltung von Madeleine Dietz gesehen hat. Mit seinem ganzen Hab und Gut, mit zwei Plastiktüten, kam er während einer Tagung in die Kirche herein, hat die Umstehenden mit dem Rascheln seiner Tüten gestört, und sagte dann laut in den Raum in hinein:
Ihr hän mir jo gar net gsagt, dass ihr en neie Altar hänn. So was Schönes hab ich ja werklich noch net gesehen. - sprach´s und setzte sich in die erste Reihe zum Gebet.
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Liebenswert: Besucher unserer Kirche, die hier aus ihrer engen Welt heraustreten und Gottes Weite spüren.
Lebenswert: Einen Raum mitten in der Stadt offen zu halten, der etwas atmet von Gedächtnis jener Frau, die ein paar Tage vor Jesu Hinrichtung eine Liebesgeste der Verschwendung gegen die Zahlenklauberei des Geldes gesetzt hat.
Amen.
[ Eintrag von: Ekma ]