Die Tierärztin und Prädikantin Elke Niebergall-Roth hat für ihre Predigt über das "Gebären unter Mühen" den bundesweit ausgelobten Ökumenischen Frauen-Predigtpreis 2011 erhalten.
"Gebären unter Mühen" -
Was Eva, Sarata, Zewee und mich verbindet
Predigt über Genesis 3,16a
1. Sarata und das Risiko der Schwangerschaft
Sarata1 lebte in einer ländlichen Region in Burkina Faso in Westafrika. Mit 17 Jahren wurde sie verheiratet. Sie bekam vier Kinder, die alle starben, bevor sie sechs Monate alt waren. Im Jahr 2006 wurde Sarata mit 26 erneut schwanger.
Während ihrer Schwangerschaft arbeitete Sarata ganztägig auf dem Feld. Eine Freundin drängte sie, sich auszuruhen. Doch Sarata entgegnete, dass sie das nicht könne, weil man sie schon genug dafür verachte, noch keine Kinder zu haben. So arbeitete sie weiter bis zum Tag der Entbindung, die bei ihr zu Hause erfolgte. Nach der Geburt brachte man sie mit einem Motorrad zuerst in ein Gesundheitszentrum und dann in ein Universitätskrankenhaus. Bei der Ankunft starb Sarata, ohne zuvor in irgendeiner Weise untersucht oder behandelt worden zu sein.
Sarata ist eine von über einer halben Million Frauen, die weltweit in jedem Jahr an Folgen und Zwischenfällen einer Schwangerschaft oder einer Geburt sterben.2 Eine halbe Million Frauen in jedem Jahr das bedeutet umgerechnet eine Frau in jeder Minute. Besonders dramatisch ist das Risiko für werdende Mütter in Afrika und in Südasien. Eine schwangere Frau, so sagt ein afrikanisches Sprichwort, steht mit einem Fuß im Grab und mit dem anderen auf der Erde.3
Viele der betroffenen Frauen haben bereits vor der Schwangerschaft unter erschwerenden Umständen wie mangelhafter Ernährung, Infektionen oder Überarbeitung gelitten. Auch Genitalverstümmlung, zu frühe oder zu kurz aufeinanderfolgende Schwangerschaften sowie unsachgemäße Abtreibungen bringen zahlreiche Frauen in Lebensgefahr. Oft sterben Frauen unter der Geburt, weil sie keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben oder lebensrettende Behandlungen nicht bezahlen können. Hinzu kommen weltweit rund weitere 20 Millionen Frauen, die Schwangerschaften und Geburten zwar überleben, aber gesundheitliche Schäden und lebenslange Beschwerden davontragen.
2. Eva und der Preis der Erkenntnis
Ich muss an eine andere Gebärende denken: an die biblische Eva, die Mutter aller Lebenden. Eine wissensdurstige Frau, die Verbote hinterfragt und Grenzen überschreitet. Die sich weiterentwickeln will. Die zwischen dem Guten und dem Bösen unterscheiden möchte. Und die für ihren Vorstoß bezahlen soll mit mühevollen Geburten. Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären, spricht Gott zu ihr. Weshalb aber sollte Gott der Schöpfer Menschen dafür bestrafen, dass sie ihre Welt erkennen und verstehen wollen? Und warum mit mühevollen Geburten?
Mich fasziniert, dass auch Biologen4 eine Verbindung sehen zwischen der Fähigkeit der Menschen, die Zusammenhänge der Welt zu erkennen, und ihren mühsamen Geburten: Da ist auf der einen Seite der beachtliche Kopf des Neugeborenen, der dem vergleichsweise großen menschlichen Gehirn Raum bieten muss und auf der anderen Seite das enge Becken der Mutter, das für den aufrechten Gang unverzichtbar ist. Bei der Geburt des Menschen muss sich nun ein besonders großer Kopf durch einen besonders engen Geburtsweg hindurchzwängen. Biologisch betrachtet ist die mühe- und gefahrenvolle Geburt also tatsächlich so etwas wie der Preis des Menschen für seine besonderen geistigen Fähigkeiten, für seinen Drang nach Erkenntnis.
Mühsame Geburten gehören somit zum Mensch-Werden und zum Mensch-Sein dazu. Ohne sie könnte der Mensch nicht Mensch sein. Und wenn die Bibel den Menschen als ein Geschöpf Gottes ansieht, dann ist es eigentlich folgerichtig, dass sie die mühsamen Geburten ebenfalls diesem Schöpfer zuschreibt.
Und doch erschüttert das Gotteswort von den Mühen der Geburt. Es erschüttert, weil es Schwangerschaft und Geburt mit menschlicher weiblicher Schuld und Bestrafung zusammen denkt. Weil es Schmerzen und Leiden von Frauen in die Nähe von Gottes Willen rückt. Weil es wie ein Fluch erscheint. Denn die Mühen blieben nicht auf Eva beschränkt. Von Generation zu Generation wurde Evas Mühsal weitergegeben und lastet auf den Frauen bis heute. Was Gott zu Eva gesprochen hat, gilt auch all ihren Töchtern auch Sarata und auch mir.
3. Eigene mühselige Erfahrungen
Ich schaue auf meine eigenen Schwangerschaften und Entbindungen zurück. Viel Freude war da, Glück und Dankbarkeit, aber ja auch Sorgen, Mühen und Schmerzen. Verglichen mit der Not von Sarata aus Burkina Faso waren meine Mühen klein. Und doch habe auch ich sie erlebt die Mühsal der Geburt. Die unvermeidlichen körperlichen Beschwerden. Die Beunruhigung, wenn bei einer Untersuchung ein Ergebnis nicht so ausfiel, wie es sollte. Und dann diese Schmerzen! Die Erschöpfung und die Hilflosigkeit in den ersten Wochen und Monaten mit dem Neugeborenen. Die Einsamkeit der Nächte mit einem weinenden Baby auf dem Arm, das zu trösten mir nicht gelingt.
Auch bei uns sind die Mühen der Geburt vielfältig und geschehen oft im Verborgenen. Da sind die ungezählten Mütter und Väter, die auf den Neugeborenenstationen um zu früh oder krank geborene Kinder bangen. Da ist der Schmerz der Eltern, deren Kind tot zur Welt gekommen ist oder nur eine kurze Zeit leben durfte. Da sind die Nöte von Frauen, die ungewollt schwanger wurden. Die Verletzungen von Frauen, die durch Gewalt schwanger wurden. Die Enttäuschung der Frauen, deren Sehnsucht nach Schwangerschaft und Geburt unerfüllt bleibt.
4. Eva, woher nahmst du Kraft?
Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Ach, liebe Eva, gerne würde ich erfahren, woher du deine Kraft bekommen hast. Die Kraft, mit der du nach diesem Gotteswort deinen Kindern das Leben schenken konntest. Ganz auf dich allein gestellt. So stellen wir es uns jedenfalls vor. Ohne Hebamme, die dir helfend zur Seite stand. Ohne Mutter, die dir einen Rat hätte geben können. Ohne eine Freundin, mit der du deine Ängste und Zweifel teilen konntest.
Hattest Du eine Vorstellung von den Schmerzen, die dir bevorstanden? Ahntest Du die Gefahren, denen du als Schwangere und Gebärende ausgesetzt warst? Hattest Du Angst? Woher kam dein Mut, woher kam Trost, woher Hoffnung? Was hattest du mehr außer der Aussicht auf Mühsal?
Und was war mit Adam? Kann man sich vorstellen, dass er dir bei deinen Geburten eine Stütze gewesen sein könnte? Adam, der Zögerliche, der Ängstliche? Der sich schon einmal aus der Verantwortung stehlen wollte, als es brenzlig wurde?
Wie war es, liebe Eva, unter diesen Umständen Mutter zu werden? Und warum wurden ausgerechnet dir, der Mutter aller Lebenden, diese Umstände zugemutet? Und hatte der Schöpfer kein Wort des Wohlwollens und des Beistandes für dich übrig?
5. Gott der Geburtshelfer
Die Bibel erzählt im Anschluss an die scheinbar so unseligen Ereignisse um die verbotene Frucht und das Gotteswort von den mühsamen Geburten, dass Eva drei Söhne zur Welt brachte: Kain, Abel und Seth. Wo aber war nun die Mühsal? Eben noch mit starken Worten angekündigt, ist nun keine Rede mehr von ihr. Und allein gelassen war Eva auch nicht.
Im Gegenteil: Unter der Geburt ihres ersten Sohnes erreicht Evas Beziehung zu Gott einen ungeahnten Höhepunkt. Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des Herrn, wird Eva später sagen. Vergessen scheint das düstere, wie ein Fluch klingende Gotteswort. Gott hilft Eva und ihrem Kind durch die Mühen der Geburt hindurch. Mit Gottes Hilfe geschieht etwas Unerhörtes. Etwas, was bis dahin nur Gott dem Schöpfer selbst vorbehalten war: Eva bringt einen Menschen zur Welt. Sie wird selbst zur Schöpferin. Sie wird Gottes Mitschöpferin.
6. Gebären unter Mühen Fluch oder Verheißung?
Sollte also das Gotteswort von der Mühsal der Geburt am Ende gar kein Strafurteil gewesen sein? Haben wir zu voreilig einen Fluch herausgehört?
Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Wenn Geburt und Mühe zusammengehören, wenn Menschsein ohne mühevolle Geburten nicht zu haben ist vielleicht kann man dann dieses Wort auch so hören: Du mutige Frau mit dem weiten Verstand ich mache dich zu meiner Mitschöpferin. Ich mache dich fähig, schwanger zu werden und Kinder zu gebären, und ich mute dir zu, die unvermeidlichen Mühen zu tragen.
Dann wäre das Gotteswort von der Mühsal gerade kein Strafspruch, sondern eine große Verheißung. Und es scheint, als hätten Adam und Eva dies auch tatsächlich so verstanden Eva, die in Gott ihren Helfer erkennt, der sie zu ihrer Mitschöpferin macht, und Adam, der seiner bis dahin namenlosen Partnerin den Namen Eva gibt Mutter aller, die da leben.
So zeigt der Fortgang von Evas Geschichte, dass Eva gerade nicht eine Gescheiterte, Bestrafte, Verfluchte ist. Im Gegenteil: Eva wurde Gottes Mitschöpferin. Auf ihr lastet kein Fluch, sondern sie trägt eine Verheißung. Eine mühevolle Verheißung zwar, aber eine segensreiche: Du wirst mein Schöpfungswerk fortführen. Mein Segen liegt auf Dir und auf deinen Töchtern, den Müttern dieser Welt.
7. Ein unbescheidener Gedanke
Mütter sind Gottes Mitschöpferinnen. Welch ein unbescheidener, welch ein kraftvoller Gedanke! Könnten wir diesen Gedanken doch in unseren Herzen tragen! Dann würde in jeder Schwangerschaft und in jedem Kind die Freude Gottes an den Menschen aufleuchten. Dann könnten Mütter in den Mühen der Geburt und in der Mühsal des mütterlichen Alltags spüren, dass Gott an ihrer Seite ist. Dann würden wir Mütter und Väter und alle, die die Mühsal lindern und Kinder auf dem Weg ins Leben begleiten, als Verbündete und Gesegnete Gottes erkennen.
Welche Anerkennung und Wertschätzung müsste Müttern als Mitschöpferinnen eigentlich entgegengebracht werden! Was würde dieser Gedanke in unserem Land bewegen, in dem Kinder als Armutsrisiko gelten! Was würde dieser Gedanke in unserer Welt bewegen, in der Sarata und viele weitere Frauen das Mutterwerden mit ihrer Gesundheit oder mit dem Leben bezahlen.
8. Zewee lächelt Gott auch
Jede Mutter dieser Erde ist eine Gesegnete Gottes. Jede Mutter verdient und braucht Respekt und Unterstützung bei ihrer mühsamen, gefahrvollen und zugleich verheißungsvollen Aufgabe. In den reichen und ganz besonders in den armen Ländern.
Die Not ist groß, und doch gibt es auch Entwicklungen, die Mut machen. Zum Beispiel in Sierra Leone und Äthiopien, wo derzeit noch jede 8. Frau bei der Geburt eines Kindes stirbt. Doch in Sierra Leone hat eine Kampagne der Menschenrechtsorganisation Amnesty International Erfolg gebracht: Die Regierung gewährt seit diesem Frühjahr schwangeren Frauen, stillenden Müttern und Kindern unter 5 Jahren freie Gesundheitsversorgung.5 Und in Äthiopien hat die Regierung Gesundheitsstationen in ländlichen Gebieten eingerichtet. Hilfsorganisationen wie World Vision engagieren sich dort bei der Schulung von Hebammen.6
In dem Bergdorf Ambober in Äthiopien liegt Zewee Tesfaye in einer kleinen Lehmhütte auf ihrem Bett. Sie blickt gespannt auf Workenesh Habtamu, die Hebamme, die ihr vorsichtig den Bauch abtastet. Plötzlich lächelt die Hebamme. Ich fühle das Baby. Es ist größer und stärker geworden seit meinem letzten Besuch, versichert sie. Wenn die Zeit da ist, dürfte es keine Probleme geben. Nun lächelt auch Zewee, die mit ihrem zweiten Kind schwanger ist.6
Und Gott? Ich glaube fest, er lächelt auch. Amen.
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1) Über Serata berichtete Amnesty International, Sektion der Bundesrepublik Deutschland e.V.: Über Leben. Burkina Faso: Schwangerschaft mit tödlichen Folgen. Amnesty International, Bonn, 2010, S. 10.
2) Die Zahlen und Zusammenhänge der Müttersterblichkeit sind entnommen aus
· United Nations Childrens Fund (UNICEF): The state of the worlds children 2009 Maternal and newborn health. UNICEF, New York, 2009.
· World Health Organization (WHO): The world health report: 2005: Make every mother and child count. WHO Press, Genf, 2005.
· Deutsche Stiftung Weltbevölkerung, www.weltbevoelkerung.de
3) Zitiert nach 1)
4) Zum Beispiel Lewis I. Held, Jr.: Why is childbirth so precarious? In: Quirks of human anatomy. An evo-devo look at the human body. Cambridge University Press, Cambridge 2009, S. 123124.
5) Amnesty International, Sektion der Bundesrepublik Deutschland e.V.: Einsatz mit Erfolg. Amnesty Journal 06-07/2010, S. 8.
6) Aus Äthiopien berichtete Eva Krafczyk: Kampf gegen Müttersterblichkeit zeigt langsame Erfolge. Ärzte Zeitung (Online-Version), 7.5.2010.
Elke Niebergall-Roth
[ Eintrag von: Ekma ]