Im Festgottesdienst zu seiner Einführung predigte Dekan Ralph Hartmann am 22. April 2012 in der CityKirche Konkordien über den 1. Petrusbrief, Kapitel 5, Verse 1-4 und die Ermahnungen an die Leitungsverantwortlichen in den Gemeinden. Sie sollen Vorbilder sein, "mit Überzeugungskraft, authentisch und glaubwürdig".
Gnade sei mit euch, und Friede, von dem der da ist,
der da war und der da kommt.
Liebe Festgemeinde,
das biblische Wort für den heutigen Sonntag steht im 1. Petrusbrief, Kapitel 5, die Verse 1-4.
Wir finden hier Ermahnungen an die Leitungsverantwortlichen in den Gemeinden.
Als ich diese Worte als Vorgabe für den heutigen Sonntag, für meine Amtseinführung wahrgenommen habe, habe ich schon schmunzeln müssen.
Ich bin davon überzeugt, dass das Leben an Tiefe gewinnt, wenn man nicht an Zufälle glaubt.
Sie werden gleich hören, dass sich die Worte an die Ältesten der Gemeinden richten.
Zur Zeit der Abfasssung des Briefes gab es noch keine klar definierten und unterschiedenen Ämter in unserem Sinne.
Wir sind viele hier, die sich als Leitende in der Gemeinde angesprochen fühlen können,
ob als Älteste in unserem heutigen Sinne,
als Pfarrerinnen und Pfarrer,
Synodale, Stadtkirchenräte
Aber natürlich ist auch klar, dass mit dem Maß der Verantwortung auch die Verpflichtung wächst.
Textlesung
1. Petrusbrief, Kapitel 5, die Verse 1-4.
Man könnte diesen Abschnitt wie ein Anforderungsprofil für Leitungsämter in der Kirche lesen.
Wir würden das heute genau so unterschreiben:
Freiwillig und nicht gezwungen soll das Amt übernommen werden: Wir wollen spüren, dass er oder sie das wirklich will.
Nicht der eigene Gewinn soll motivieren sondern wir erwarten dass sich Leitungspersonen in den Dienst unserer Sache und Aufgabe stellen.
Nicht als Herren, mit Zwang, sondern als Vorbilder: Mit Überzeugungskraft, authentisch und glaubwürdig.
Ich vermute allerdings, dass wir auf das Bild von der Herde, auf diese Metapher von Hirten und Schafen
heute nicht so ohne weiteres zurückgreifen würden.
Der Hirt und die Herde das ist ein mächtiges Bild.
Mächtig - aber für unsere Ohren leicht missverständlich
Es ist z.B. bemerkenswert, dass vor 8 Jahren, als die 4 biblischen Leitbilder unserer Landeskirche gesucht und verabschiedet wurden, dieses Bild von der Herde und dem Hirten nicht aufgenommen wurde.
Vom biblischen Befund her wäre es sehr nahe liegend gewesen.
Aber ganz anders als in den biblischen Zeiten sind uns Hirten mit ihren Schafherden eher fremd, haben mit unseren Alltagserfahrungen nichts zu tun.
Deswegen möchte ich, vor dem Nachdenken darüber, was dieses Bild für unser Verständnis von Leitung in der Kirche austrägt, drei mögliche Mißverständisse benennen, die womöglich Unbehagen und Widerspruch auslösen:
Das erste Missverständnis wäre, das Bild vom Hirten entweder romantisch zu verklären - Also Leben in der Natur und Ausstieg aus der schnelllebigen modernen Gesellschaft.
Oder damit ein autoritäres Bild zu verbinden:
Der Hirt mit den Hunden, um die Schafe zu disziplinieren
Beides entspricht weder der alltäglichen Wirklichkeit der Hirten in biblischen Zeiten, noch dem beabsichtigten Aussagegehalt des Bildes.
Als zweites könnte sich leicht Unbehagen bei dem Bild der Schafherde einstellen. Hirte geht vielleicht noch aber wer von uns möchte schon gerne ein Schaf sein? Das ist entgegen unserem modernen Anspruch an Einzigartigkeit und Autonomie.
Da tun wir uns mit einem anderen Bild aus dem gleichen 1. Petrusbrief leichter: Wir sind ein Haus der lebendigen Steine:
Da finden unsere Ohren ein ausgewogeneres Verhältnis von individueller Freiheit und Bindung an die Gemeinschaft.
Ein drittes Unbehagen könnte in der Ruhe und Zurückgezogenheit des Bildes einer Schafherde liegen.
Im Umfeld der Gemeinden, an die der Petrusbrief gerichtet ist:
Als Minderheit in den Städten, argwöhnisch bis feindselig betrachtet, wäre das nachvollziehbar.
Angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen von Kirche in der Gesellschaft ist das missverständlich:
Unsere Platz ist nicht in idyllischen Reservaten zurückgezogen am Rande der Städte, am Rande der Gesellschaft.
Im Gegenteil, es ist unser Auftrag und unser Selbstverständnis, mitten in der Gesellschaft, mitten in der Stadt, mitten in den Stadtteilen und im mitten Leben präsent zu sein.
Als Salz der Erde, als konstruktive und kritische Mitgestalter.
Es gibt also gute Gründe mit diesem Bild vom Hirten und der Schafherde Schwierigkeiten zu haben.
Aber, es trägt auch viel aus:
Mit diesem Bild des Hirten werden Leitungsämter in der Gemeinde unter zwei große Überschriften gestellt:
Als erstes unter die Überschrift der Sorge
Gemeindeleitung ist ein Dienst, eine Dienstleistung an der Gemeinde.
Im biblischen Verständnis ist der Hirte v.a. derjenige, der für seine Herde sorgt.
Wenn wir uns den Psalm 23 vor Augen halten:
Da ist von Versorgung, von wohlmeinender Führung, von Trost, von Beständigkeit und Heimat die Rede. Der Hirte das ist ein eher mütterliches Bild von Leitung.
Im Matthäusevangelium sagt Jesus über sich:
Ich bin nicht gekommen, um mir dienen zu lassen, sondern dass ich diene und mein Leben gebe, zu einer Erlösung für viele.
Von diesem Vorbild her ist Leitung in der Kirche zu verstehen:
Gemeindeleitung ist nicht Herrschaft, sondern Dienst.
Natürlich sind mit einem Leitungsamt auch Entscheidungskompetenzen gegeben
Natürlich ist damit auch Macht verliehen.
Aber es geht nicht um Herrschaft, sondern darum Orientierung zu geben.
Darum für Verbindlichkeit und Verlässlichkeit zu sorgen
Darum, das Ganze im Blick zu halten
Und es ist gut so, wenn man weiß, wo diese Kompetenzen, wo diese Macht ihren Ort hat, wenn das transparent und in unseren Ordnungen geregelt ist.
Zum Schutze aller, und zum Schutze auch derer die ein Leitungsamt übernommen haben.
Wenn die Mahnung im 1. Petrusbrief heißt, Leitung habe nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern aus Herzengrund zu geschehen,
dann liegt die Verführung bei uns heute nicht im Streben nach materiellem Gewinn da ist zumindest bei uns hier Mannheim nichts zu gewinnen.
Die Verführung für den persönlichen Gewinn liegt wahrscheinlich am meisten bei unseren Eitelkeiten.
Gemeindeleitung ist eine Dienst-Leistung, die sich daran messen lassen muss, dass sie dem Leben der Gemeinde dient, dass sie Gemeindeleben ermöglicht.
Die erste Überschrift heißt Sorge
Die zweite Überschrift heißt: Gemeindeleitung ist eine geistliche Aufgabe
Gemeindeleitung geschieht eng gebunden an den Auftrag Jesu Christi als Herrn der Gemeinde.
Gemeindeleitung geschieht eng gebunden an den Auftrag Jesu Christi, seinem Geist Gestalt zu geben, mitten unter uns.
Wenn wir genau hinsehen, dann vermeidet es der 1. Petrusbrief, die angesprochenen Ältesten ausdrücklich als Hirten anzusprechen.
Als Hirte wird ausdrücklich nur Jesus Christus bezeichnet.
Als Erster Hirte, oberster Hirte oder Urhirte
Als Leitungsverantwortliche sind wir allerhöchstens Hilfshirten. Ausgangspunkt unserer Überlegungen muss es sein, zuerst nach dem Willen unseres obersten Hirten zu fragen.
Das ist eine geistliche Aufgabe:
Es geht darum, im Geiste Jesus Christi Entscheidungen für das hier und jetzt zu treffen.
Es wäre ein Missverständnis, wenn man meinte, diese geistliche Leitung könnte alleine auf Theologinnen und Theologen delegiert werden.
Sicher haben Theologinnen und Theologen eine besondere geistliche Verantwortung, weil wir dafür besonders ausgebildet wurden.
Aber diese geistliche Verantwortung gilt für alle:
Ob als Pfarrer/Pfarrerin, Älteste, Stadtkirchenrätin oder als Synodaler.
Das ist ein Dreh und Angelpunkt reformatorischer Theologie.
Die geistliche Leitung der Gemeinde obliegt zuallererst Jesus Christus
und dann der Gemeinde, die sie wiederum an Leitungsämter auf Zeit delegiert.
Dreh und Angelpunkt reformatorischer Theologie.
Leider auch der Schmerzpunkt in unserem ökumenischen Miteinander.
Jetzt könnte man einwenden, dass unsere Leitungspraxis häufig so gar nicht geistlich anmutet:
Dass wir uns sehr ausgedehnt mit, Finanz Gebäude und Strukturfragen auseinandersetzen.
Das ist wahr. Aber genau das ist die Herausforderung:
Auch in diesen sehr weltlich anmutenden Fragen Gott und die Welt zusammen zu denken:
D.h. unsere Finanzfragen und Gebäudefragen selbstverständlich mit allem weltlichen Sachverstand und Wissen zu behandeln
Aber das immer unter der leitenden Fragestellung, wie wir, unter den gegebenen Rahmenbedingungen,
jetzt und in Zukunft
das Evangelium in Wort und Tat verkündigen können.
Oder wie wir mit den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen Strukturen unserer Zusammenarbeit schaffen, die heute und morgen, vielen auf vielfältige Art und Weise
die Möglichkeit eröffnen, in unseren Gemeinden eine geistliche Heimat und Orientierung zu finden.
Diese geistliche Perspektive wird uns so verstanden immer über uns selbst und unsere kleine Welten hinaus führen:
Über das hinaus, was uns gefällt, über unseren persönlichen Geschmack hinaus, hin zu dem was unser christlicher Auftrag ist.
Über das hinaus, was uns bekannt und vertraut ist, zu einem Dienst an der gesamten Gemeinde, an der gesamten Kirche und der Ökumene also zu einem Dienst am Leib Christi.
Dazu braucht es, nach dem Vorbild Jesu Christi auch eine gewisse Leidensfähigkeit.
Das kennen wir alle.
Aber die Ermahnungen unseres Predigtabschnittes sind mit einer Verheißung umrahmt, und die sollte am Schluss stehen:
Es ist die Rede zuerst von der Herrlichkeit Jesu Christi, an der wir neben den Leiden auch teilhaben werden - Und Zum Abschluss wird uns die unvergängliche Krone der Herrlichkeit verheißen, wenn Jesus Christus erscheint.
Ich bin davon überzeugt, dass wir überall da, wo wir unseren Hilfs-Hirtendienst tun,
im Ältestenkreis, im Pfarrdienst, im Dekanat, im Stadtkirchenrat, in der Synode, als Mitarbeiter/innen in der Diakonie, in der Gemeinde -
überall dort können wir etwas von dieser verheißenen Herrlichkeit des Reiches Gottes empfangen:
Nämlich dann, wenn wir spüren, dass wir Sinn stiften.
Wenn wir merken, dass wir Teil werden des großen Sinn-Zusammenhanges Gottes und der Menschen.
Wenn wir merken, dass wir Sinnvolles bewirken:
für Menschen, die Hilfe brauchen,
für Menschen, die Orientierung und eine geistliche Heimat suchen,
für unserer Stadt, für unser Zusammenleben
für Gerechtigkeit und Frieden,
für die Bewahrung unserer Schöpfung, in der wir leben.
Sinn zu stiften:
Das ist unser Auftrag
Das ist das, was unsere Seele nährt
Das sind wunderbare Momente, die wünsche ich uns allen.
[ Eintrag von: Ekma ]