Am 22. April 2012 führte Landesbischof Dr. Ulrich Fischer in der CityKirche Konkordien Ralph Hartmann in sein Amt als Dekan der Evangelischen Kirche in Mannheim ein. Er sprach über die Jahreslosung 2012, die zugleich Hartmanns Ordinationswort ist. Das Ja zur eigenen Schwäche ermöglicht doch erst echte Menschlichkeit und wahre Größe, sagte der Landesbischof.
Ansprache über 2 Kor 12,9
Lieber Herr Hartmann,
wenige Wochen nach der Verabschiedung Ihres Vorgängers führen wir Sie heute in das Dekansamt dieses aufregenden und interessanten Kirchenbezirks ein. So können Sie bei dem in wenigen Wochen hier in Mannheim stattfindenden Katholikentag bereits dekanatlich amtieren. Es fügt sich wunderbar, dass Sie einst mit jenem Bibelwort ordiniert wurden, das als Losung über diesem Jahr 2012 steht. Wenn ich nun dieses Wort der Jahreslosung, also Ihr Ordinationswort, in den Mittelpunkt meiner Ansprache stelle, ist Ihre heutige Einführung nicht nur Start in ein Neues, sondern für Sie zugleich eine Ordinationserinnerung der ganz besonderen Art.
In Erinnerung an Ihre Ordination und in Vorbereitung Ihres Dienstes als Dekan spreche ich Ihnen also heute jenes Wort zu, das einst der Apostel Paulus in einer Zeit höchster Anfechtung tröstend als Wort unseres Herrn zugesagt bekommen hat: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Zunächst mögen viele stutzen. Ist dies wirklich ermutigend, bei der Übernahme einer neuen und so großen Aufgabe auf die Schwachheit angesprochen zu werden? Die Stadtsynode hat Sie wahrlich nicht gewählt, weil sie sich einen besonders schwachen Dekan erhoffte. Im Gegenteil: Gestaltungswillen und Ideen, Organisationstalent und Impulse, Fähigkeit zu öffentlicher Einmischung und Kraft zu theologischer Klärung erwarten viele von Ihnen. Und dann dieses Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Zunächst einmal lese ich dieses heute an Sie gerichtete Wort Gottes als ein Mahnwort gegen geistliche Eitelkeit. Denn dieses Wort erinnert Sie, lieber Herr Hartmann, - bei allen Erwartungen, mit denen Sie konfrontiert werden, - an Ihre Grenzen. Nun haben Sie eine solche Erinnerung vielleicht nicht nötig. Denn bei allem Selbstbewusstsein, das Sie prägt, wissen Sie recht genau um Ihre eigenen Schwächen. Sie haben in Ihrem persönlichen Leben erfahren müssen, wie Sie an Grenzen eigener Lebensgestaltung gelangt sind. Und Sie wissen um die Größe der Aufgabe, die auf Sie wartet. Wissen darum, dass Sie bei der Gestaltung der evangelischen Kirche in dieser Stadt schnell an Ihre Grenzen gelangen werden, wenn Sie sich nicht auf die Unterstützung vieler ehrenamtlich und beruflich Tätiger verlassen können. Nein, Sie müssen eigentlich nicht an eigene Schwächen und Grenzen erinnert werden. Und dennoch: Immer wieder wird es Ihnen passieren, dass Menschen von Ihnen, dem Dekan, das klärende Wort oder das harte Durchgreifen fordern, dass Verantwortung für dieses und jenes bei Ihnen eingeklagt oder Demonstration der Stärke von Ihnen erwartet wird. Gerade in solchen Situationen ist es notwendig, Allmachtsphantasien zu widerstehen und sich der eigenen Schwachheit zu erinnern.
Lieber Herr Hartmann, als zweites lese ich das an Sie gerichtete Wort Gottes, das aus der Jahreslosung zu Ihnen spricht, als ein Wort der Ermutigung. Ihnen wird für Ihren Dienst als Dekan Kraft zugesagt. Eine Kraft, die Ihnen in diesem Leitungsamt zuwachsen wird. Es ist eine aus Gnade geschenkte, es ist eine Ihnen von Gott geliehene Kraft. Genauer: Es ist die Kraft des gekreuzigten und auferstandenen Christus. Wer sich in seinem Dienst an Christus orientiert, bekommt einen besonderen Blick für die Kraft in der Schwachheit. Bekommt einen Blick für die Tiefen des Menschseins. Bekommt einen Blick für die Kraft, die in den Schwachen mächtig ist, denn er weiß auch um die Ohnmacht Gottes. Weiß davon, dass Gott sich aus der Welt hat herausdrängen lassen ans Kreuz, dass er ohnmächtig und schwach in der Welt war und gerade so und nur so bei uns ist und uns hilft. In Ihrem Amt ist Ihnen das aufgetragen, was Auftrag aller Christenmenschen ist, nämlich ihrem Herrn Jesus Christus gleichförmig zu leben. In Ihrem Dienst soll Christus Gestalt annehmen. Durch Ihr Auftreten sollen Sie die Gegenwart Christi bezeugen. Und dieser Christus ist eben kein Strahlemann und Alleskönner, sondern der gekreuzigte und misshandelte, schwache und gebeugte Christus. Im Blick auf den gekreuzigten Christus erstirbt jeder Selbstruhm. Im Blick auf den geschundenen Christus wird klar: Nicht besondere Fähigkeiten und Qualitäten machen einen Christenmenschen aus, sondern die Fähigkeit, diesem Christus nachzufolgen und in dem Ja zur eigenen Schwachheit Kraft zu finden.
Das kann dann ganz konkret bedeuten, dass Sie gerade im Eingestehen eigener Grenzen Größe bewahren können. Dass Sie gerade durch ehrliches Eingestehen des Nicht-Gelingenden Ansehen erwerben werden. Dass Ihnen gerade im Nichtverdrängen und Nichtüberspielen von Schwäche ungeahnte Kräfte zuwachsen. Das Ja zur eigenen Schwäche ermöglicht doch erst echte Menschlichkeit und wahre Größe. Was Ihnen in Ihrem großen Amt Mut machen kann, Ja zur eigenen Schwäche zu sagen, ist die Gewissheit, dass Sie in diesem Ja dem gekreuzigten Christus auf der Spur sind und damit der Gnade Gottes, die er Ihnen in Christus erwiesen hat. Wenn Sie wissen, dass es Gottes Gnade ist, die Sie leben lässt, dann können Sie Ja sagen zur Unvollkommenheit und Fehlern. Darum steht vor allem Ja zur eigenen Schwäche Gottes gnädiges Ja zu Ihnen, sein Zuspruch: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Dieses gnädige Ja Gottes wird Ihnen heute in diesem Gottesdienst zugesprochen. Welch größere Stärkung könnte es geben für Ihr schweres Amt. Amen.
[ Eintrag von: Ekma ]