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Geh aus mein Herz...

Dieses fröhliche Sommerlied ist wohl Ihnen allen von Jugend an bekannt. Aber wie das so ist, kennen wir meist nur die ersten drei Strophen und vielleicht noch die letzte, denn besonders viel wurde in den gewöhnlichen Gottesdiensten nicht gesungen.
Aber es ist ein von Paul Gerhardt kunstvoll aufgebautes Lied aus 15 Strophen, ein Lied von der Schönheit des Sommers und der Freude des Singens, von Erde und Himmel, und wie alles zu einem großen Ganzen zusammengehört.

Jede Strophe besteht aus sechs Versen, wobei sich die beiden ersten und die vierten und fünften reimen, und genauso der dritte und letzte Vers. Das lässt das ganze so beschwingt und tänzerisch klingen, dass man sich fast dazu bewegen mag.

 

Das Lied beginnt mit der Ermunterung, dass das Herz sich doch der Freude öffnen soll in dieser »lieben Sommerzeit«. Manche tun das ganz von alleine. Sie schauen morgens aus dem Fenster, sehen den blauen Himmel und das helle Licht und haben gleich mehr Energie in sich. Andere muss man erst dazu anregen. Sie sehen das Licht draußen, aber vergraben sich ins dunkle Zimmer; sie sehen die anderen munter unter Bäumen sitzen und kommen sich ausgeschlossen vor. Erst, wenn jemand kommt und sagt: Komm, wir schauen uns diesen schönen Sommertag an!, dann lassen sie sich herauslocken und können es genießen.

 

Paul Gerhardt weiß, wie die Umstände einem manchmal alle Leichtigkeit nehmen können. Umso wichtiger ist, dass wir dann erst recht »die Freude suchen«, dass wir hinausgehen und die Schönheit des Sommertages anschauen. »Schau, wie die Gärten sich ausgeschmückt haben«, sagt er, »für mich und für dich«.
Es ist die immer wieder faszinierende Schönheit der blühenden Blumen, der verschiedenblättrigen Sträucher, der Bäume in verschiedenen Formen und Grüntönen. (Vielleicht können manche nicht mehr gut laufen, andere nicht mehr gut hören, und auch das Sehen ist schwächer geworden; aber doch können wir die Schönheit der Gärten wahrnehmen, auf ganz vielfältige Weise.)

»Für mich und für dich«, sagt er. Jeder Garten ist wie ein Geschenk. Ein Geschenk, das wir zu jeder Jahreszeit neu bestaunen können, aber im Frühling und Sommer ganz besonders. Ein Geschenk, das uns immer neu erfreut und überrascht.

Es ist eine Schönheit, die gerade wegen ihrer Lebendigkeit so anspricht. Auch menschliche Fähigkeit schafft schöne Dinge. So können Menschen schöne Kleider herstellen, etwa die Seidenstoffe eines Königs Salomo, die er durch Handel erworben hatte; vornehme, teure Dinge. Aber so immer neu erfreuen tut uns doch vor allem das Lebendige.

 

Liedtext von "Geh aus, mein Herz" EG 503

1. Geh aus, mein Herz, und suche Freud / in dieser lieben Sommerzeit / an deines Gottes Gaben; / schau an der schönen Gärten Zier / und siehe, wie sie mir und dir / sich ausgeschmücket haben, / sich ausgeschmücket haben.

2. Die Bäume stehen voller Laub, / das Erdreich decket seinen Staub / mit einem grünen Kleide; / Narzissus und die Tulipan, / die ziehen sich viel schöner an / als Salomonis Seide, / als Salomonis Seide.

3. Die Lerche schwingt sich in die Luft, / das Täublein fliegt aus seiner Kluft / und macht sich in die Wälder; / die hochbegabte Nachtigall / ergötzt und füllt mit ihrem Schall / Berg, Hügel, Tal und Felder, / Berg, Hügel, Tal und Felder.

4. Die Glucke führt ihr Völklein aus, / der Storch baut und bewohnt sein Haus, / das Schwälblein speist die Jungen, / der schnelle Hirsch, das leichte Reh / ist froh und kommt aus seiner Höh / ins tiefe Gras gesprungen, / ins tiefe Gras gesprungen.

5. Die Bächlein rauschen in dem Sand / und malen sich an ihrem Rand / mit schattenreichen Myrten; / die Wiesen liegen hart dabei / und klingen ganz vom Lustgeschrei / der Schaf und ihrer Hirten, / der Schaf und ihrer Hirten.

6. Die unverdrossne Bienenschar / fliegt hin und her, sucht hier und da / ihr edle Honigspeise; / des süßen Weinstocks starker Saft / bringt täglich neue Stärk und Kraft / in seinem schwachen Reise, / in seinem schwachen Reise.

7. Der Weizen wächset mit Gewalt; / darüber jauchzet jung und alt / und rühmt die große Güte / des, der so überfließend labt / und mit so manchem Gut begabt / das menschliche Gemüte, / das menschliche Gemüte.

8. Ich selber kann und mag nicht ruhn, / des großen Gottes großes Tun / erweckt mir alle Sinnen; / ich singe mit, wenn alles singt, / und lasse, was dem Höchsten klingt, / aus meinem Herzen rinnen, / aus meinem Herzen rinnen.

9. Ach, denk ich, bist du hier so schön / und lässt du's uns so lieblich gehn / auf dieser armen Erden: / was will doch wohl nach dieser Welt / dort in dem reichen Himmelszelt / und güldnen Schlosse werden, / und güldnen Schlosse werden!

10. Welch hohe Lust, welch heller Schein / wird wohl in Christi Garten sein! / Wie muss es da wohl klingen, / da so viel tausend Seraphim / mit unverdrossnem Mund und Stimm / ihr Halleluja singen, / ihr Halleluja singen.

11. O wär ich da! O stünd ich schon, / ach süßer Gott, vor deinem Thron / und trüge meine Palmen: / so wollt ich nach der Engel Weis / erhöhen deines Namens Preis / mit tausend schönen Psalmen, / mit tausend schönen Psalmen.

12. Doch gleichwohl will ich, weil ich noch / hier trage dieses Leibes Joch, / auch nicht gar stille schweigen; / mein Herze soll sich fort und fort / an diesem und an allem Ort / zu deinem Lobe neigen, / zu deinem Lobe neigen.

13. Hilf mir und segne meinen Geist / mit Segen, der vom Himmel fleußt, / dass ich dir stetig blühe; / gib, dass der Sommer deiner Gnad / in meiner Seele früh und spat / viel Glaubensfrüchte ziehe, / viel Glaubensfrüchte ziehe.

14. Mach in mir deinem Geiste Raum, / dass ich dir werd ein guter Baum, / und lass mich Wurzel treiben. / Verleihe, dass zu deinem Ruhm / ich deines Gartens schöne Blum / und Pflanze möge bleiben, / und Pflanze möge bleiben.

15. Erwähle mich zum Paradeis / und lass mich bis zur letzten Reis / an Leib und Seele grünen, / so will ich dir und deiner Ehr / allein und sonsten keinem mehr / hier und dort ewig dienen, / hier und dort ewig dienen.

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