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Unser Leben mit dem Tod

Gedanken zum Ewigkeitssonntag

Vor einiger Zeit dachte man im Bestattungsgewerbe darüber nach, die Leichenwagen nicht mehr schwarz oder dunkelgrau zu lackieren, sondern sie durch neutrale, buntere Farben als Normalwagen zu tarnen. Man wolle den Menschen auf der Straße den Gedanken an den Tod ersparen. Der Tod sei nicht mehr zumutbar. Es hängt sicherlich damit zusammen, dass wir in unserer Gesellschaft außerstande sind, furchtlos und gelassen dem Tod entgegen zu gehen. Obwohl man dem Thema aus dem Weg gehen möchte, ist es doch unverkennbar, dass im Hintergrund unseres Lebens ein hohes Maß an Todesfrucht geistert. Wir streichen die Leichenwagen heller an, wir vermeiden Begegnungen mit einer Leiche, wenn Bestattungsunternehmen schon wenige Stunden nach dem Tod die Toten aus den Häusern holen. Und über einen berühmten Friedhof in Hollywood klingt vom Tonband Operetten- und Vogelmusik, um ungestörtes Leben vorzutäuschen. Wir können die letzte Ruhe nicht ertragen, sie will sich nicht im hektischen Betrieb unseres Lebens unterbringen lassen.

Zum Leben gehört der Tod
Doch die Ruhe gehört unausweichlich zum Sturm unseres Lebens dazu. Die Tage des Menschen sind gezählt. Niemand vermag vorherzusagen, wie er reagieren wird, wenn die allgemeine Wahrheit, dass der Mensch sterblich ist, zu persönlichen Nachricht wird, dass er jetzt sterben muss. Zum Leben gehört das Sterben, gehört der Tod.
Wenn mir die Welt untergeht, wenn die Stützen brechen, mit denen ich mein Leben lebenslang zu sichern versucht habe, dann stellt sich diese Frage ohne wenn und aber: Worauf ist da noch Verlass?

"Wohin der Tod kommt, dort ist immer schon Gott, und wo Gott ist, herrscht das Leben. Der Tod ist kein Betriebsunfall, kein hoffnungsloser Fall. Ich bleibe in Gott geborgen und kann darum vom Leben lassen."

Auf die im Angesicht des Todes gestellte Vertrauensfrage gibt unser Glaube die Antwort: In dem Augenblick, in dem der Mensch aufhört, sich zu sich selbst und zur Welt verhalten zu können, verhält sich Gott weiterhin zu ihm. Wohin der Tod kommt, dort ist immer schon Gott, und wo Gott ist, herrscht das Leben. Der Tod ist kein Betriebsunfall, kein hoffnungsloser Fall. Ich bleibe in Gott geborgen und kann darum vom Leben lassen. Ich darf in Frieden ruhen.

Nicht weil der Mensch eine unsterbliche Seele hätte, überdauert er den Tod, sondern weil Gott das Gespräch mit uns nicht abreißen lässt und weil die Geschichte weitergehen muss, die er einmal mit uns gegangen ist.

Es gibt keine Geographie des Himmels
Wenn wir – verständlicherweise – nach dem Wie dieser weitergehenden Geschichte fragen, enttäuscht uns die Bibel: Es gibt keine Beschreibung, keine „Geographie des Himmels“, sondern die Bibel begnügt sich damit, dass wir in der Treue Gottes geborgen sind. Die Bibel enthält eine vielfältige Bilderrede vom ewigen Leben, und es ist jedem freigestellt, wie er selbst sich zu diesen Bildern verhält. Das Thema ist aber immer nur eines: die von Jesus Christus durch sein Glauben, Leben und Lehren, sein Leiden, Sterben und Auferstehen verbürgte Botschaft von der universalen Liebe Gottes – der Grund zum Vertrauen bis ans Ende.

"Lasst mich in Frieden mit dem Quark! Ich wünsche mir nur am Halse des Vaters zu hängen!“

Als der Vater des großen Theologen Adolf Schlatter im Sterben lag, standen fromme Stundenbrüder um sein Bett und suchten ihn rührend und erbaulich zu trösten: „Bald wirst du in Zions goldenen Gassen sein und auf das kristallene Meer blicken, bald wird dich der Glanz am Throne des Lammes umhüllen.“ Und so redeten sie und ließen ihre fromme, aus ehrwürdigen Bildern der Bibel genährte Phantasie spielen. Da richtete sich der Sterbende noch einmal auf und fuhr sie an: „Lasst mich in Frieden mit dem Quark! Ich wünsche mir nur am Halse des Vaters zu hängen!“ Weil uns dieses Hängen an des Vaters Halse, das Geborgensein in der Ruhe Gottes verheißen ist; darum kann der Glaube auch ebenso gut auf alle Spekulationen über das Wann, Wo und Wie des ewigen Lebens entweder verzichten oder sie wenigstens freistellen, am besten Gott anheim stellen.

Neues Leben vor dem Tod
Angesichts der Auferstehung und der verheißenen Geborgenheit in Gott gewinnt auch unser Leben vor dem Tod eine neue Bedeutung. Wir haben keinen Grund mehr, den Tod aus unserem Leben zu verdrängen, weil wir sonst unsere Unbefangenheit verlören. Wir brauchen unsere Leichenwagen nicht mehr mit bunter Farbe anzustreichen. Diese neu gewonnene Freiheit gegenüber dem Sterben kann nicht ohne Einfluss auf die Art bleiben, wie sich unser alltägliches Leben abspielt.

Wer im Leben jene im Tod endende Sackgasse sieht, versteht das Leben als einen Konkurrenzkampf, in dem er ums Überleben und ums Maximum an Gewinn ringt. Nicht, als ob für den Glaubenden alle Konkurrenzen aufhörten. Es wäre sehr weltfremd, das zu meinen. Wir können nicht einmal wünschen, dass aller Ehrgeiz und aller Selbstbehauptungswille einfach erlöschen. Dann würde statt des Friedens Gottes wohl nur ein Kirchhofsfrieden das Laben der Geschichte ablösen.

"Das Leben geht für uns nicht mehr in Kämpfen der Konkurrenz auf... wenn wir um den Sieg Jesu wissen, wird das Leben zu etwas anderem und zu mehr als diesem begrenzten Spiel."

Und doch wird durch das Wissen um die Todüberwindung etwas anders, sogar ganz anders: Das Leben geht für uns nicht mehr in Kämpfen der Konkurrenz auf. Solange wir nichts anderes sehen als diesen Wettstreit  ums Überleben und Gewinnen, sind unsere Mitmenschen nichts anderes als Figuren in diesem großen Schachspiel: Sie sind Bundesgenossen oder Gegner; sie sind Träger von Funktionen, die für oder wider uns gerichtet sind. Und diese Auseinandersetzung muss bis zur Grenze unseres Todes durchgekämpft und bestanden werden.
Dann aber, wenn wir um den Sieg Jesu wissen, wird das Leben zu etwas anderem und zu mehr als diesem begrenzten Spiel. Der Andere ist nun für mich nicht mehr Träger von Funktionen, sondern er ist jemand, für den Gott ebenfalls eine ewige Bestimmung hat.

Der Tod ist besiegt
Die Gewissheit der Todesüberwindung führt zu einer Entgiftung im Umgang miteinander, und das kann sich bis tief ins Kraftfeld politischer, wirtschaftlicher, sozialer und beruflicher Auseinandersetzungen hinein auswirken.
Der Tod ist besiegt. Das ist wahr. Wir können deshalb für den andern, den Nächsten, den Mitmenschen leben. Andererseits führt der Tod noch heftige Rückzugsgefechte. Es sterben täglich Menschen, und auch wir alle hier werden sterben. Das bedeutet Leid für uns und andere. Wir müssen darum den andern helfen, das Leid zu ertragen. Sie werden uns ebenfalls helfen, unser Todesleid zu ertragen. Das schaffen bloße Sprüche, auch fromme Sprüche nicht. Das ermöglicht nur ein für den anderen Da-sein. Das vermag allein ein Leben, das ganz von dem Sieg zu Ostern her gelebt wird.

    Marc Witzenbacher, Pressesprecher der Evangelischen Kirche in Baden

    Marc Witzenbacher, Pressesprecher der Evangelischen Kirche in Baden

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