Wer kennt es nicht, das verbreitete Kirchenlied "Er weckt mich alle Morgen"? Dass die Melodie aber aus der Feder eines im Jahr 1901 gebürtigen Rheinauers stammt, war wohl auch alt eingesessenen Rheinauern nicht bekannt.
Vor längerer Zeit haben Alt-Stadtrat Paul Buchert und Norbert Leidig, die beide in den 60er Jahren mit dem Religionslehrer Rudolf Zöbeley am Tulla-Gymnasium zu tun hatten, angeregt ihm zu Ehren einen Gedenkgottesdienst in der Versöhnungskirche zu gestalten und eine Würdigung des 1991 verstorbenen Komponisten und Theologen in Form eines dauerhaften Andenkens im Stadtteil zu schaffen.
Am Sonntag Trinitatis läuteten nun am Rheinauer Marktplatz die Glocken für den Rheinauer Buben, dessen Wiege im alten Zollgebäude (heute Bergiusstrasse / Harpener Strasse) stand.
Unter Teilnahme von Nachfahren aus München, Landshut, Darmstadt und Schwetzingen, sowie Protestanten aus Wiesloch-Baiertal, wo Zöbeley während der NS-Zeit lange Jahre gewirkt hatte, sowie vier seiner ehemaligen Schüler am Tulla-Gymnasium, leitete Pfarrer Sebastian Carp den Gottesdienst, wobei der Chor der Johanniskantorei unter der Leitung von Claudia Sobotzik für den musikalischen Rahmen mit Liedern Zöbeleys sorgte.
Eine der zehn Enkelinnen, bzw. Enkeln, Dr. Katharina Wöhlermann, beschrieb in ihren Ausführungen nicht nur den liebevollen, gelassenen Großvater, sondern dass er auch mit Glaubenszweifel hadernden Menschen Toleranz zeigte und gleichzeitig seelsorgerische Hilfe leisten konnte.
Dies kam besonders zum Ausdruck, als man nach dem bereits erwähnten Eingangslied die von Zöbeley vertonte Weise Ich möchte gerne Brücken bauen sang.
Zöbeleys Nachfolger in Baiertal, Pfarrer Christoph Binder, legte anschaulich dar, wie seine Seelsorgerzeit von 1934 bis 1951 in der Kraichgaugemeinde von den NS-Repressalien geprägt war. Ein verlesener Brief mit detaillierten Beschreibungen aus dieser Zeit ergriff alle Gottesdienstbesucher gleichermaßen.
Den Gottesdienstabschluss bildete eine von der Johannis-Kantorei vorgetragene Motette, zu der Frau Dr. Wöhlermann feststellte: Mein Großvater wäre heute begeistert gewesen!
Anschließend begab man sich zum Familienzentrum Rheinau in der Relaisstrasse, dessen Gebäude auch unter dem Begriff Alte Rheinauschule bekannt ist.
Der große Saal war feierlich hergerichtet, wo Norbert Leidig neben den bereits Erwähnten noch den 88 jährigen Groß-Cousin Willi Zöbeley begrüßen konnte.
Neben der Landtagsabgeordneten Helen Heberer war auch der Stadtrat Rolf Dieter als Vertreter des Oberbürgermeisters erschienen.
In seiner Eingangsrede gab Leidig einen kurzen Abriss über die Situation im damals noch nicht zu Mannheim gehörenden Rheinau.
"Zöbeley ist am 15.1.1901, nachmittags 3 Uhr, hier in Rheinau geboren, wie es in den Kirchenannalen nachzulesen ist." erläuterte Norbert Leidig.
Dies zu einer Zeit als noch nicht einmal 20 Jahre vergangen waren seit sich die ersten Bürger hier angesiedelt hatten. Nur wenige hundert Menschen lebten und arbeiteten hier, nicht wenige davon an dem Bau der Hafenanlagen.
In diesem Zusammenhang war 1897 auch ein Zollgebäude errichtet worden, in welchem der Vater von Rudolf Zöbeley beschäftigt war und mit Frau und Tochter wohnte.
Dieses Gebäude steht heute noch in der Nähe des Hafenbeckens in der Bergiusstrasse Ecke Harpener Strasse.
Ein Kirchengebäude gab es damals in Rheinau noch nicht.
Gottesdienste wurden ab 1897 14tägig im Saal des Schulhauses abgehalten, wobei die Taufen jedoch bis Ende 1900 als sogenannte Haustaufen noch bei den Familien erfolgten.
Erst ab Januar 1901 taufte man die Kinder während des Gottesdienstes eben in diesem Saal, der jetzt Zöbeleys Name tragen soll.
Rudolf Zöbeley war das achte evangelische Kind, das in Rheinau die Taufe empfing und zwar am 17. Februar 1901, nachmittags 1 Uhr, durch Vikar Adolf Godelmann.
In seinen Grußworten als Vertreter der Stadt Mannheim beschrieb Rolf Dieter aus der Sicht eines ehemaligen Schüler am Tulla-Gymnasium den zu Ehrenden einerseits als Respektsperson, andererseits als Gegenpol zu dem in den 60er Jahren noch rüden Methoden des damaligen Lehrkörpers.
"Liebe Deinen Nächsten, denke an die Mühseligen und Beladenen, das war seine Botschaft." erläuterte der Stadtrat und besann sich zurück: "Die kleinen Gemeinheiten, die wir anderen Lehrern gern antaten, waren bei ihm undenkbar!"
Der Verwalter des Familienzentrums Rheinau, Gerd Vilardi, gab einen Überblick über die Institution, sowie deren sozialen Aufgaben und Möglichkeiten nicht nur für Rheinau, sondern die ganze Stadt. Das Zentrum ist in seinem Bereich ausgelastet und auch der Saal mit seinen bis zu 100 Sitzplätzen mit Veranstaltungen gut belegt.
Paul Buchert schließlich trug seine positiven Erfahrungen in seiner Referendarzeit bei Rudolf Zöbeley vor. Entgegen den damaligen Gepflogenheiten betrachtete der Lehrer Zöbeley den Referendar nicht nur als Auszubildenden, sondern nahm auch Kenntnisse und Erfahrungen des jüngeren an um seinen eigenen Horizont zu erweitern.
Am Ende der Feierstunde enthüllten die Landtagsabgeordnete Helen Heberer, Stadtrat Rolf Dieter, Zöbeleys Enkelin Ute, sowie die Initiatoren Paul Buchert und Norbert Leidig ein Großportrait und einen Lebenslauf des Gewürdigten und benannten die Räumlichkeit auf Anregung von Bürgermeisterin Warminski-Leitheußer und nach Genehmigung durch den Gemeinderat als "Rudolf-Zöbeley-Saal"
Bericht aus der Gemeinde von Norbert Leidig
[ Eintrag von: Ekma ]