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Reise nach Rumänien

Sozialdiakonische Exkursion der evangelischen Kirche Mannheim im Oktober 2014

 

Was für eine Überraschung? Was man auf der Fahrt durch Rumänien höchstens ahnen konnte, so aber eigentlich nicht zu erwarten war: Am 16. November wurde der deutschstämmige Siebenbürger Sachse und evangelische Christ Klaus Ioannis in der Stichwahl zum Präsidenten von Rumänien gewählt! Für die Reisegruppe der evangelischen Kirche Mannheim mit Dekan Ralph Hartmann, die sich Mitte Oktober in Rumänien aufhielt, war der zukünftige Präsident ein ständiger Begleiter. Auf großflächigen Wahlplakaten in Bukarest und noch mehr in Transsylvanien, dem alten Siebenbürgen, grüßte er auf jedem Platz. In Sibiu/Hermannstadt, wo Ioannis bis jetzt Bürgermeister war, erzählten uns die unterschiedlichsten Gesprächspartner, wie sehr sich die Stadt und die Region unter seiner Administration in den vergangenen Jahren entwickelt haben. Großzügige Ansiedlungsangebote an ausländische Firmen, eine verlässliche Stadtverwaltung, aber noch mehr das über Jahre hinweg aufgebaute Vertrauen der Menschen in die Behörden hat den wirtschaftlichen Aufschwung mit möglich gemacht. Denn „wir tun, was wir versprechen!“, wie es in einem der Wahlslogans von Klaus Ioannis hieß.

(Foto: Wahlplakat Klaus Ioannis - W.Langpape)


Das notwendige Vertrauen in das Regierungs- und Verwaltungshandeln dürfte einer der Schlüssel sein, wenn das Land am südöstlichen Rand der EU wirklich in Europa ankommen will. Das wurde uns auf Schritt und Tritt der Reise anschaulich vor Augen geführt. Da waren auf der einen Seite die Menschen, die mit großer Kompetenz und Empathie sich um die vielfältigen sozialen Probleme im „Armenhaus“ Europas kümmern. Pfarrer und diakonischen Mitarbeiter in den beiden kleinen evangelischen Minderheitenkirchen der lutherisch geprägten Siebenbürger wie der ungarischsprachigen Reformierten, aber auch bei der orthodoxen Mehrheitskonfession. Da waren die Repräsentanten der politischen Ebene von den Staatministerien in Bukarest oder bei der Stadtverwaltung Sibiu, aber auch die Schülerinnen des deutschsprachigen Brukenthal-Gymnasiums, die alle den Weg Rumäniens in ein prosperierendes Europa vor Augen haben. Und da waren auf der anderen Seite die prekären Quartiere in der Hauptstadt wie in den Städten und Dörfern auf dem Land, aber auch die individuellen Einzelgeschichten von Menschen, deren Familienmitglieder auf der Suche nach Arbeit Richtung Norden aufgebrochen sind. Vielfach sind sie als prekär lebende Zuwanderer in Städten wie Mannheim angekommen. Oft genug enttäuscht von der realen Arbeitssituation in ungesicherten Niedriglohnjobs, die sie bei uns in Deutschland angetroffen haben und von der sie zuhause niemandem erzählen möchten. Über zwei Millionen Rumänen, so schätzt man, sind in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten nach dem Sturz der kommunistischen Diktatur ausgewandert. (Foto 2: Empfang Rathaus Sibiu – K.deVos)


Dorthin zu gehen, woher die Arbeits- bzw. Armutsmigranten kommen, um damit ein besseres Hintergrundwissen für die eigene Aufnahmeakzeptanz hier bei uns zu erhalten, das war das Motiv für diese Exkursion des Mannheimer Pfarrkonvents, die von der Donauraumstrategie des Landes Baden-Württemberg gefördert wurde. Mit dabei waren auch Experten und Expertinnen von städtischen und sozialdiakonischen Dienststellen, wie auch vom DGB und der Polizei. Der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt, der diese Exkursion zusammen mit einem aus Siebenbürgen stammenden Ruhestandsdekan maßgeblich vorbereitet hatte, wollte neben den kulturellen und historischen Sehenswürdigkeiten vor allem auch die sozialpolitische Wirklichkeit in diesem für uns fernen und doch durch die Zuwanderung so nahen Land in den Blick nehmen. Allen Teilnehmern wurde dabei schnell deutlich: Dieses Land in Südosteuropa ist tatsächlich auf dem Weg in die EU. Die Behörden geben sich alle erdenkliche Mühe, eine solide wirtschaftliche Lage zu schaffen und die Kirchen versuchen im sozialen Bereich zu helfen, wo sie nur können. Und vor allem die jungen Menschen verstehen sich als europäische Bürgerinnen und Bürger. Damit sie am Ende nicht nur auswandern und ihre beruflichen Qualifikationen mitnehmen, sondern auch bleiben und bei der Entwicklung ihres Heimatlandes mithelfen können, bedarf es noch vieler Anstrengungen. Es bedarf des fachlichen Austausches im Verwaltungs- und Sozialbereich. Es bedarf der ausländischen Investitionen in Wirtschaftsunternehmen und Arbeitsplätze. Und es bedarf nicht zuletzt des Vertrauens, dass dieses Land eine gute Zukunft hat. „Wir tun, was wir versprechen!“, das wäre nicht das schlechteste Leitwort beim Engagement der EU wie der Bundesrepublik für Rumänien. Noch mehr wäre es aber ein guter Vorsatz hier bei uns im Blick auf unseren Umgang mit den Zuwanderern aus den Ländern Südosteuropas. Sie sind nicht nur unsere europäischen Mitbürger, sondern zumeist auch Mitchristen mit orthodoxer Konfession. Die evangelische Kirche in Mannheim wird deshalb am Thema der Exkursion dran bleiben. Der KDA plant zusammen mit anderen Akteuren eine Beratungsmöglichkeit für Arbeitsmigranten auf die Beine zu stellen und das Diakonische Werk will sich um eine EU-Förderung für die Bildungs- und Berufsqualifizierung von Zuwanderern bemühen. Fast noch wichtiger ist aber die Vernetzung mit den anderen christlichen Kirchen in Mannheim – v.a. auch mit der rumänisch-orthodoxen Auslandsgemeinde. Denn das wurde uns in Rumänien auch gesagt: Die Kirchen stehen an zweiter Stelle, wenn es um das Vertrauen in der Bevölkerung geht. Bemerkenswerterweise steht das Militär noch eine Stelle höher. (Foto 3: Seitenstraße Bukarest – W.Langpape)


© Löffler KDA-Mannheim

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