Aktuelles

Gemeinsam und in Frieden

Forum der Religionen initiiert gemeinsamen Gebetsraum für Christen und Muslime in Flüchtlingsunterkunft auf Benjamin Franklin Village

Gemeinsam und in Frieden

(15.12.2015) Bundesweit dürfte das einmalig sein: In der bedarfsorientierten Landeserstaufnahmestelle (BEA) in Mannheim-Käfertal entsteht derzeit ein Gebetsraum, der von allen Gläubigen genutzt werden kann. Die feierliche Einweihung ist für Januar geplant. Dann sollen dort täglich muslimische Gebete und eine christliche Andacht stattfinden. Der gemeinsame Gebetsraum steht allen offen. Auch nachts.

Religion in dem einen Raum leben und damit Begegnungen fördern. Die Geflüchteten seelsorglich begleiten und ihnen einen Ort der Ruhe geben, um zu beten, um das Erlebte vor Gott zu bringen. Das ist Ziel des Gebetsraums in der Unterkunft auf „Benjamin Franklin Village“ in Mannheim-Käfertal, in der viele tausend Geflüchtete leben. Diese Initiative des Forums der Religionen Mannheim wurde vom zuständigen Regierungspräsidium positiv aufgenommen. Seither bereiten Bundeswehr und das Deutsche Rote Kreuz (DRK), das als exekutive Verwaltung in der BEA tätig ist, die Räumlichkeiten vor.

„Ohne die schon jahrzehntelange und vertrauensvolle Zusammenarbeit der Religionen hier in Mannheim wäre ein solches Projekt kaum umsetzbar“, sagt Projektleiter Pfarrer Dr. Joachim Vette vom Forum der Religionen. „Neuland ist dieser Gebetsraum auch für uns“, erzählt er, „die Umsetzung erfordert Toleranz von allen Beteiligten.“ Denn der Gebetsraum ist nicht unterteilt, sondern wird in seiner Gänze von der jeweiligen Religion genutzt. Gebete finden daher nicht gleichzeitig statt. An der nach Süd-Osten gerichteten Schmalseite wird an der entsprechend gestalteten Gebetsnische das muslimische Gebet gesprochen. An der gegenüberliegenden westlichen Wand finden Altar und Bibel, Kreuz und Kerzen sowie eine Ikone ihren Platz.

Stundengebete in orthodoxer Tradition und islamische Gebete

Das christliche Gebet orientiert sich an den Gewohnheiten der hierher geflüchteten Christen, die überwiegend orthodox sind. Halt gegen Ungewissheit durch Rituale, durch Verlässlichkeit. Die Gebete sind in arabischer, französischer und englischer Sprache auf Zettel gedruckt und werden den Gläubigen ausgehändigt. Sie werden zunächst von hauptamtlichen Theologen gelesen.. Die Moscheegemeinden und das Mannheimer Institut für Integration und interreligiösen Dialog unter Leitung von Talat Kamran gestalten und organisieren die täglichen muslimischen Gebete wie auch die Freitagsgebete.

Noch eine Baustelle, bald ein Raum der Begegnung

Ein langgestreckter rechteckiger Raum mit bodentiefer Fensterfront an einem großen quadratischen Platz. Daneben ein Gebäudetrakt, der einen Seelsorgeraum und Büro beherbergen wird. Abgeschieden am Rande des Unterkunftsgeländes gelegen.

Derzeit wird dort fleißig gewerkelt. Die Bundeswehr hat den Platz frei geräumt. Das DRK kümmert sich um die Dämmung der Außenwand, um Heizung und Beleuchtung und vieles mehr. In Kürze wird der Betonpflasterboden mit Laminat bzw. Teppich ausgelegt. Um Teppich und dessen Verlegung kümmert sich Bilal Dönmez, 1. Vorsitzender der Sultan-Selim Moschee. Anschließend werden die muslimische und die christliche Seite gestaltet. Die Einweihung des Gebetsraums ist für Januar 2016 geplant. Er soll außerhalb der Gebetszeiten als Raum der Stille geöffnet bleiben. Gerade auch nachts, wenn bedrückende Erinnerungen an Erlebtes oder Sorgen viele Geflüchtete keinen Schlaf finden lassen.

Zuvor wird am 24. Dezember um 19 Uhr ein ökumenischer Gottesdienst gefeiert, den Evangelische und Katholiken gemeinsam vorbereiten. Die Feier findet im großen Essenszelt statt. Als Zeichen der Verbundenheit backen derzeit Gemeinden, Seelsorgeeinheiten und Schulen Plätzchen, die in Tütchen verpackt am Heiligen Abend an die Gottesdienstgemeinde verteilt werden.

Info: Im "Forum der Religionen Mannheim" arbeiten seit vielen Jahren Verantwortliche der christlichen Kirchen, der Moscheegemeinden und der jüdischen Gemeinde für ein freundschaftliches Miteinander der Religionen in Mannheim zusammen. Den Mitgliedern ist Abraham als Stammvater gemeinsam. Was sie in ihrem Handeln verbindet, ist der Glaube an den einen Gott und der ständige Auftrag, Frieden und Versöhnung zu stiften.

Derzeit sind im Forum der Religionen vertreten: die Jüdische Gemeinde, die Evangelische und die Katholische Kirche, die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK), die Griechisch-Orthodoxe Gemeinde, die DITIB-Gemeinden-Yavuz-Sultan-Selim Moschee, die Fatih-Moschee, die Bosnisch-Islamische Gemeinde, die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Rhein-Neckar, die Christlich-Islamische Gesellschaft, das Mannheimer Institut für Integration und interreligiösen Dialog und das Ökumenische Bildungszentrum sanctclara Mannheim.

Sprecher des Forums der Religionen: Ralph Hartmann (Evangelische Kirche), Karl Jung (Katholische Kirche), Talat Kamran (Muslime), Schoschana Maitek-Drzevitzky (Jüdische Gemeinde).

Bildunterschrift: Projektleiter Pfarrer Dr. Joachim Vette öffnet die Tür. Hier entsteht in den nächsten Wochen der interreligiöse Gebetsraum. (dv)