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Unermesslicher Reichtum

Predigt zur Eröffnung der Vesperkirche am 06. Januar 2016 zu Epheser 3

Unermesslicher Reichtum

Epherser 3: "Ihr habt ja gehört, worin die Gnade Gottes besteht,
die mir für euch gegeben wurde: Aufgrund einer Offenbarung wurde mir das Geheimnis kundgetan: Die Heiden sind Miterben, eingefügt in denselben Leib, Teilhaber an der Verheißung in Christus Jesus durch das Evangelium, dessen Diener ich geworden bin durch das Geschenk der Gnade Gottes, die mir gegeben wurde durch das Wirken seiner Kraft. Mir, dem allerletzten unter allen Heiligen, wurde die Gnade verliehen, den Völkern den unermesslichen Reichtum Christi zu verkündigen."

Ihr Lieben, gestern stand da einer vor der verschlossenen Tür des Diakoniepunktes. Ich frage ihn, was er sucht. Er schaut mich an und nickt Richtung Kirche: „Sagen Sie, ist diese Kirche diesen Winter nicht geöffnet?“ Angst schwingt da in seinen Worten und ich:
„Keine Sorge, morgen machen wir auf, wie immer am 6. Januar“. Und er: „Ach dann sind das nur Außenarbeiten,
die Baustelle da drüben, dann ist ja gut, ich dachte schon…“, sammelt seine Sachen ein und schnallt sie auf sein Fahrrad.

Mag schon sein, dass wieder Leute in unsere Stadt kommen, weil sie wissen: es ist Vesperkirche. Manche nur über die Brücke von Ludwigshafen, manch einer vielleicht sogar von weiter her.
Mag schon sein, dass Leute in unser Land kommen, weil sie hoffen, dass sie hier mehr Chancen haben als in ihrem Zuhause, das einem Haifischmaul gleicht. Mag schon sein, dass noch immer Menschen hoffen und ahnen, dass ihr Leben nicht überall gleich fürchterlich sein muss und sich dann auf den Weg machen und versuchen sich, ihr Leben und ihre Kinder zu retten.
Dass die Hoffnung Zuflucht suchen lässt.

In der Heiligen Nacht waren bei uns knapp 300 Leute zum Essen in der Kirche. Mitgeholfen hat auch Mustafa.
Er kommt aus dem Irak, jung, charmant, witzig, Bauingenieur. Eineinhalb Jahre hat er seine Frau und seine Kinder nicht mehr gesehen, aber er war verhaftet, wurde bedroht, musste fliehen. An Heilig Abend ist er stundenlang hin und hergelaufen, hat bedient und geholfen wo er nur konnte. Am Ende ist er gegangen, hungrig, hatte keine Zeit gefunden zu essen, aber mit einem Leuchten im Gesicht. Und als ich ihn halb an der Türe frage, wie das nun für ihn war, diese ´deutsche Weihnacht‘, hat er nur gesagt: „Ich bin so glücklich, dass ich auch mal helfen konnte und hoffe, dass nächstes Jahr meine Frau mit hier sein kann und meine Kinder. Das ist alles was ich mir wünsche.“

Inmitten dieser Verheißung, dass das Leben anders sein kann, stehen wir, singen und beten und arbeiten, vertrauen unser Glück und Leid einander an und sehen unermesslichen Reichtum und Wunder. Trotz der Finsternis. Trotz aller Bedrohung. Und obwohl Armut so handgreiflich ist hier und wir genau sehen, wie sich Krankheit und Verzweiflung und Armut miteinander verbinden und unser soziales Netz längst nicht mehr trägt, die Maschen viel zu weit geknüpft, und immer mehr haben keine eigene Wohnung, schlafen mal hier mal da, bei Bekannten, in den Vorräumen von Banken, auf den Heizungsschächten, campieren im Freien egal wie kalt, wer würde da nicht versuchen so viel wie irgend möglich zu trinken, um einfach nichts mehr von sich selbst zu spüren…

Und nun das: Tausende von Flüchtlingen in unserem Land, in unserer Stadt. Da ist mehr als ein Wunder geschehen, dass so viel gelungen ist und so viele gut untergekommen sind fürs Erste. Aber, jetzt mal ganz ehrlich: wessen Leben hat sich denn nun grundlegend verändert, seit die Tausenden von Menschen da sind?
Abgesehen von den Leuten vom THW und den Johannitern und den direkten Nachbarn in Käfertal?
Wir zahlen nicht mehr Steuern, keine Neuverschuldung, keine Vermögenssteuer, keine Einquartierung in Privatwohnungen.

Aber es wird Geld nötig sein, um dieser Aufgabe gerecht zu werden und ich kann die verstehen, die immer schon am wenigsten hatten, dass sie sich jetzt fürchten und sagen: Es wird noch schwieriger werden, Wohnungen zu finden und für uns wird weniger übrig bleiben als bisher und alle spenden sie jetzt für die Flüchtlinge. Was wird aus uns?
Vielleicht ist die Vesperkirche deswegen dieses Jahr noch nötiger als sonst!
Wir als Kirche müssen uns am Ohr am ziehen und uns erinnern und wir müssen es den Armen beweisen, dass wir sie nicht vergessen. Nicht wegen der Flüchtlinge und auch sonst wegen nichts. Nichts darf uns davon abbringen, dahin zu sehen und dahin zu gehen, wo Jesus geboren wurde und gelebt hat: inmitten der Armut.

Die Heiden sind Miterben, sagt Paulus, und das heißt nichts anderes als: Hier bei Gott, bei unserem Heiland Jesus Christus gehören alle dazu, Mustafa genauso wie der Typ mit dem Fahrrad, die Prostituierte und der Penner, die wohlsituierte Dame genauso wie das misshandelte Heimkind. Gott spiegelt sich in jedem Gesicht, egal ob in seinem Kind, das nach Ägypten flüchtet, oder in einem, der sich in seinem Leben nicht mehr zurecht findet aber hier Zuflucht sucht in dieser Kirche, in der wir immer neu üben, einander so zu begegnen, dass die Scham ein Ende findet, dass sich eine geborgen fühlt, die sonst nie dazu gehört.

Es ist unsere Aufgabe, von hier aus der Politik zu danken für alles Engagement des letzten Jahres, für alles was geleistet wurde, auch von den vielen Ehrenamtlichen überall. Gleichzeitig muss jetzt etwas Neues passieren:
Die Sozialpolitik muss sich grundlegend ändern! Es muss endlich Wohnungen geben für Leute mit wenig Geld und das nicht nur auf der Hochstätt. Die Städte dürfen nicht auseinanderfallen in Armen- und Reichenghettos!
Wohnungen für Flüchtlinge müssen gebaut werden aber auch Wohnungen für Familien mit kleinen Einkommen, für Alleinstehende mit Minimaleinkommen, mehr Wohngelegenheiten für Obdachlose. Es ist unsere Aufgabe aufzustehen einmal mehr und jetzt noch deutlicher dafür einzutreten: Es muss sich etwas ändern! Es können nicht immer die unten alles zahlen, während andere sich um den Verstand shoppen. Kurzurlaub auf Sansibar und von da direkt in die Schweiz. Es ist überhaupt kein Problem Steuern umzuverteilen, weil es die gibt, die schlicht zu viel haben, um noch zu sich zu kommen!
Alleinerziehende zu entlasten und zu begünstigen, Menschen, die krank sind, anders zu unterstützen, mehr Hilfe für Menschen, die drohen ihre Wohnung zu verlieren, Unterstützung für Flüchtlinge genauso wie für Kinder aus bildungsfernen Familien.

Gott kommt zu uns. Warum Gott den Himmel flüchten musste? Ein Wirtschaftsflüchtling ist Gott wohl nicht…
Gott flüchtet aus den Himmeln in die Gewalt, in die Armut. Welche Hoffnung ihn zu uns getrieben hat?
Es ist auf jeden Fall ein Wunder, wie immer, wenn die von oben sich nach unten in Bewegung setzen und dabei sich selbst neu erkennen. Da stehen Könige und Kamele davor und staunen, Geschenke in den Händen und dann ist es ein Himmelsgeschenk, der dem Himmel entflohene Gott, das Kind.

Das ist der unermessliche Reichtum Christi, von dem Paulus spricht, Gottes Geschenk, mehr als Myrrhe und Gold, mehr als Kashmir und Seide. Der unermessliche Reichtum Christi fällt uns direkt in die Herzen, ein Geheimnis das hier offenbar wird: Schenkt uns Licht und Freiheit, dass wir uns im Gegenüber erkennen, macht die Herzen weich und weit, legt sich da hinein als wär es seine Krippe. Gott flüchtet den Himmel. Ein Neubürger das Kind in der Krippe. Umstürzler, die eine neue Ordnung aufrichten: Gott und sein Kind in der Welt, das ist mehr als alle Jahre wieder, dieses Jahr!
Gott flieht mitten hinein in die Finsternis. Eine Himmelsflucht, die den Himmel mit in die Welt hineinreißt, Gottes Flucht sucht den Schmerz und die Tränen mitten in der Nacht dieser Welt. Gottes Flucht schafft Zuflucht denen, die auf der Flucht sind vor ihrem Leben. Die fliehen aus Not und Tod und Gewalt, die fliehen in Sucht und Nur-nicht-dran-denken oder in die Arbeit.

Gott selbst macht aus unserer Kirche eine Zuflucht: Ein Mantel der sich warm und zärtlich um das Leben derer hüllt, die in Armut und Dunkelheit leben, in kalten Wohnungen, auf der Straße, in bitterer Einsamkeit. Unermesslicher Reichtum, dass wir hier zusammen finden: Weise und Heilige, Könige und Kamele staunen.
Gottes Flucht in die Finsternis hinein geschieht in Jesus Christus. Die Hoffnung, die Gott zu uns treibt, ist das geliebte Lieben, die Erfüllung, die uns versprochen ist.
Gottes Flucht ist Rettung für den Ort des Asyls: die Welt. Mag schon sein, dass manche gerettet werden durch die Flüchtenden, weil wir helfen dürfen, weil wir Sinn finden und selbst Zuflucht in Gottes Flucht. Der Himmel reißt auf, die Engel singen in der Mitte der Nacht der Welt und aller Dunkelheiten. Wie ein sanfter Mantel umhüllt der geöffnete Himmel die Erde und birgt allen Schmerz in seiner Zuflucht.
Denn gerade jetzt sind alle auf der Flucht: die kleine heilige Familie Richtung Asyl in Ägypten; die Hirten erfüllt von Armut, Not und Sorge, ziellos ist ihre Flucht vor Ablehnung und Verachtung; auf der Flucht sind auch die Weisen vor den Mächtigen, umgehen den König, meiden den Thron, verdrücken sich ins Dunkel der Weltgeschichte.

In diesen letzten nachweihnachtlichen Tagen aber ist die Welt voll Zuflucht. Gott ist da, das Kind und die Engel und der Stern. Gottes Flucht in die Welt hinein, in die Finsternis ist unsere Zuflucht.

Zuflucht lasst uns einander gewähren, dass sich der offene Himmel ausbreitet und Gottes Zuflucht all die erfasst die uns begegnen, dass der Himmel sich spiegelt in ihren Augen und sich erfüllt mit einem sanften warmen Meer göttlicher Musik. Gott ist unsere Zuflucht. Sein Himmel unser Dach auf Erden. Seid einander Zuflucht, schenkt einander Geborgenheit, dass Gottes Reich mitten unter uns entsteht, der unermessliche Reichtum seiner Liebe sich austeilt, dazu bewahre Jesus der Christus eure Herzen und Sinne in seinem Frieden. Amen

Ilka Sobottke, 6. Januar 2016