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„Neue Wege erproben“

„Neue Wege erproben“

(Mannheim 13.05.16) Glaube gibt auch in der Fremde Heimat. Nach sechsmonatiger Vorbereitung wurde der interreligiöse Gebetsraum in der Flüchtlingsunterkunft BFV am 13. Mai im Beisein zahlreicher Vertreter von Kirche, Stadt und Regierungspräsidium feierlich eingeweiht. Bei dem bundesweit wegweisenden Projekt können in einer Flüchtlingsunterkunft alle Religionen einen offenen Raum gemeinsam nutzen. Der Gebetsraum wurde vom Mannheimer Forum der Religionen initiiert.

Ein Zeichen des friedlichen Miteinanders, ein Ort der inneren Sammlung, ein ungeteilter Raum für den Glauben und ein Raum der Stille sei dieses Projekt, so die Beteiligten. Wie gut das Zusammenwirken vom Forum der Religionen, dem Regierungspräsidium und der Stadt Mannheim war, machten auch Polizeidirektor Manfred Beuchert und Stadträtin Prof. Dr. Heidrun Deborah Kämper deutlich.

Dieser Gebetsraum, so Bektas Cezik vom Arbeitskreis Islamischer Gemeinden AKIG, sei eine „Begegnungsstätte. Ein Ort, an dem Muslime ihre Traditionen wahren können, aber eben auch ein Ort, an dem sie ihre Identität als Muslime in Deutschland gestalten und neue Wege erproben können.“

Seelsorge im wahrsten Sinne des Wortes

„Die meisten Flüchtlinge sind durch die Fluchterfahren, die ungewisse Zukunft und die Trennung von ihren Familien und Angehörigen sehr belastet. Wir wollen ihnen hier auch seelsorgerisch beistehen und helfen“, sagt der evangelische Dekan Ralph Hartmann bei der Feier. Sein katholischer Kollege Karl Jung betont: “Glaube gibt auch in der Fremde Heimat. Daher haben wir uns von Anfang an – zum Teil gegen Widerstände – für die Einrichtung eines Gebetsraums eingesetzt“. Seine Einweihung sei „ein erneutes Zeichen an die Stadtgesellschaft, dass wir uns in der Verantwortung für alle Menschen und das friedliche Miteinander sehen.“ Ohne das vertrauensvolle Zusammenarbeiten der Religionen in Mannheim betont auch Talat Kamran vom Mannheimer Institut für Integration und interreligiösem Dialog, wäre der Gebetsraum nicht möglich. Denn der Dialog gerade auch über Glaubensfragen habe das notwendige Vertrauen dafür geschaffen. Dabei ist für Schoschana Maitek-Drzevitzky von der jüdischen Gemeinde wesentlich, dass „alle Beteiligten vom selben Ethos in puncto Menschenbild, Gottesbild und Nachhaltigkeit beseelt sind“. Der Gebetsraum sei „Seelsorge im wahrsten Sinne des Wortes“.

Begegnungen der Religionen auf 20 x 4 Metern

Als das Forum der Religionen Mannheim im Oktober 2015 die Idee eines interreligiösen Gebetsraums aufbrachte, waren in Mannheim viele tausend Flüchtlinge in den Unterkünften untergebracht. Während der Vorbereitungen lebten bis zu 6.000 Geflüchtete auf dem ehemals amerikanischen Militärareal Benjamin Franklin in Käfertal. Derzeit sind es rund 450. Für sie ist nun der 20 Meter lange und 4 Meter breite Raum am Rande des weitläufigen Geländes da. Er für Gläubige aller Religionen zugänglich. Zu bestimmten Zeiten gibt es regelmäßig christliche Stundengebete und muslimische Gebete. „Der Raum wird von den Religionen gemeinsam, jedoch nicht zeitgleich genutzt“, erläutert Pfarrer Dr. Joachim Vette vom ökumenischen Bildungszentrum sanctclara, der die Realisierung des Gebetsraums als Projektleiter begleitet hatte.

Koran und Ikone in einem Raum

Wo noch vor Monaten nur nackter Betonboden war, liegt nun ein orientalisch gemusterter Teppich aus. Zwei Seiten zeigen das Besondere dieses Raums auf: an der einen Stirnseite befindet sich die in ökumenischer Taizé-Tradition gestaltete christliche Gebetsseite mit Osterkerze, Ikone und orthodoxem Kreuz. An der gen Mekka ausgerichteten Längsseite befindet sich die muslimische Seite. Die jeweiligen Gebete finden also immer angesichts von christlichen und muslimischen Symbolen in einem nicht unterteilten Raum statt. Darin liege eine Signalwirkung, ist Kamran überzeugt.

Der Gebetsraum, ist sich leitender Polizeidirektor Manfred Beuchert vom Regierungspräsidium Karlsruhe sicher, sei ein „wertvoller integrativer Beitrag“. Er wünsche dem Projekt, dass die damit verbundenen Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern übertroffen werden.

„Etwas sehr Besonderes“ sei der interreligiöse Gebetsraum, hob auch Prof. Heidrun Deborah Kämper im Namen der Stadt Mannheim hervor, denn er biete den Flüchtlingen Raum für den „Kern jeder Religion: das Beten“ und die damit verbundene innere Einkehr, Ruhe und Frieden. „Wir können dem Forum der Religionen gar nicht genug dafür danken, dass es sich die Verantwortung für die Geflüchteten und ihre Integration zu eigen gemacht hat“, so Stadträtin Kämper.

Info: Im "Forum der Religionen Mannheim" arbeiten seit vielen Jahren Verantwortliche der christlichen Kirchen, der Moscheegemeinden und der jüdischen Gemeinde für ein freundschaftliches Miteinander der Religionen in Mannheim zusammen. Sprecher des Forums der Religionen sind Ralph Hartmann (Evangelische Kirche), Karl Jung (Katholische Kirche), Talat Kamran (Muslime), Schoschana Maitek-Drzevitzky (Jüdische Gemeinde). (dv/schu)

Bildunterschrift: Freuen sich über das Signal, das vom interreligiösen Gebetsraum ausgehen wird: (v.l.n.r.) Georgious Basiouidis (Erzpriester griechisch-orthodoxe Kirche), Karl Jung (Dekan katholische Kirche), Ralph Hartmann (Dekan evangelische Kirche), Ashraf Naanaa (Al-Hidayah Moschee), Talat Kamran (Mannheimer Institut für Integration und interreligiösem Dialog), Bektas Cezik (Arbeitskreis Islamischer Gemeinden AKIG), Schoschana Maitek-Drzevitzky (Jüdische Gemeinde). Foto: Forum der Religionen.