Frauen-Beratungsstelle Amalie

Die Rechte der Frauen stärken

Amalie - Beratungsstelle für Frauen in der Prostitution feierlich eröffnet

(Mannheim, 24.07.2013) Vertreter aus Kirche, Kommune und Land haben am 24. Juli die Beratungsstelle „Amalie“ für Frauen in der Prostitution eröffnet. Beim Festakt im gut gefüllten Bürgerhaus Neckarstadt-West betonte Ministerialdirektor Jürgen Lämmle vom Sozialministerium Baden-Württemberg die dringende Wichtigkeit einer solchen Anlaufstelle für betroffene Frauen. Die meisten von ihnen kommen aus Osteuropa, kaum eine von ihnen geht freiwillig diesem Gelderwerb nach, viele sind Gewalt ausgesetzt. „Amalie“ schließt nun in Nordbaden eine Lücke und bietet den Frauen Hilfe und Unterstützung.

Deutschland – ein Paradies für Freier

Es sei ein guter Tag für die betroffenen Frauen, sagte Ministerialdirektor Lämmle, auch wenn es schöner wäre, solch eine Anlaufstelle gar nicht zu brauchen. Doch es bestünde ein „großer Bedarf an Beratung und Unterstützung“. Allein in Mannheim arbeiten mindestens 500 – 1.200 Frauen in der Prostitution, sie kommen überwiegend aus Rumänien und Bulgarien. Inzwischen, so Lämmle, würde „Deutschland als ein Paradies für Freier bezeichnet“. Experten seien sich einig darüber, dass das 2002 erlassene Prostitutionsgesetz, das das „älteste Gewerbe der Welt aus der Schmuddelecke holen“ sollte, eher den Bordellbesitzern nütze als den Prostituierten. Organisierter Sextourismus für Kunden aus Asien und Amerika findet in Deutschland statt. In Baden-Württemberg unterstützt das Sozialministerium nun vier Fachberatungsstellen: FIZ in Stuttgart, FreiJa in Freiburg, die Mitternachtsmission in Heilbronn und nun auch „Amalie“ in Mannheim.

Nicht ignorieren, sondern handeln

Nicht ignorieren, was unübersehbar ist, sondern als Kirche aktiv handeln und helfen. Dafür stehe „Amalie“, sagte Dekan Ralph Hartmann bei der Eröffnung: „Wir geben denen eine Stimme, die sonst überhört werden“. Es sei wichtig, dass sich die Evangelische Kirche und ihr Diakonisches Werk gemeinsam mit dem Runden Tisch Prostitution, an dem Vertreter von Politik und Polizei, Behörden und Hochschule zusammenwirken, des Tabu-Themas Prostitution annähmen.

„Eine sicher nicht einfache Aufgabe“

„Wir freuen uns über die Initiative des Diakonischen Werks Mannheim, hier eine Anlaufstelle einzurichten“, sagte Bürgermeister Michael Grötsch und wünschte den beiden Amalie-Streetworkerinnen alles Gute für ihre „sicher nicht einfache Aufgabe“. Es sei wichtig, dass deren aufsuchende Sozialarbeit vor Ort nun Zugang zu den betroffenen Frauen schaffe. Die bereits seit einigen Monaten angebotene Beratung durch die Sozialarbeiterinnen wird gut angenommen. „Ohne den Runden Tisch Prostitution und das damit verbundene starke Netzwerk wäre die Beratungsstelle in dieser Form nicht möglich“, betonte Projektleiterin Julia Wege und dankte allen Akteuren, die zum Gelingen dieses Projekts so viel beigetragen haben.

Im Anschluss an den Fachvortrag der Soziologin Christiane Howe, Technische Universität Berlin, konnten die „Amalie“-Räume in der Draisstr. 1 besichtigt werden. Dr. Vincenzo Petracca, Pfarrer in der Evangelischen Gemeinde in der Neckarstadt, sprach einen Segen für „alle, die in dieser Beratungsstelle ein- und ausgehen“. Er moderiert seit Januar 2012 den „Runden Tisch Prostitution“. Das Rotlichtmilieu gebe es traditionell in der Neckarstadt-West, die Situation habe sich in den letzten drei Jahren durch die Zuwanderung aus Osteuropa „dramatisch verschärft“. Viele der Frauen, die als Prostituierte arbeiten, gehören zu „den Ärmsten der Armen in der Neckarstadt“. Sie erhielten nun Hilfe auch in der direkt benachbarten Diakoniekirche Plus, beispielsweise durch Sozial- und Rechtsberatung. Weitere gemeinsame Projekte seien angedacht.

Ein Projekt – gemeinsam getragen

Die Unterstützung für „Amalie“ ist vielfältig: Prof. Dr. Martin Albert von der SRH Hochschule Heidelberg und der „Runde Tisch Prostitution“ haben gemeinsam mit dem Diakonischen Werk Mannheim das Konzept von „Amalie“ erarbeitet und die Realisierung ermöglicht. Die Fa. Kahl hat für die Räume viele Möbel gespendet, die Fa. Esch Expert eine Küche im Frauencafé ermöglicht. Für das Arztzimmer, in dem ein Gynäkologe aus Heidelberg gemeinsam mit einer Krankenschwester regelmäßig und ehrenamtlich Sprechstunden anbietet, haben Theresienkrankenhaus, Universitätsmedizin Mannheim und das Diakoniekrankenhaus einen gynäkologischen Stuhl, einen medizinischen Schrank und Infusionsständer beigesteuert. Eine Traumatherapeutin und eine Dolmetscherin sind ebenfalls ehrenamtlich für die Ratsuchenden da. Finanziert wird „Amalie“ durch Mittel der Evangelischen Kirche in Mannheim, der Stadt Mannheim, des Landes Baden-Württemberg und der „Aktion Mensch“. Die Arbeit von „Amalie“ wird wissenschaftlich durch die SRH Hochschule Heidelberg begleitet und ausgewertet.

Das Diakonische Werk hatte Ende 2011 beschlossen, in der Neckarstadt-West eine Beratungsstelle für Frauen anzubieten, die in der Prostitution arbeiten. Die Eröffnung, so Jürgen Lämmle vom baden-württembergischen Sozialministerium, solle gefeiert werden, „weil heute ein guter Tag für die betroffenen Frauen ist, die jetzt eine Anlaufstelle vor Ort haben“.

Namenspatronin: Frauenrechtlerin Amalie Struve

„Amalie“: Namenspatronin der Mannheimer Beratungsstelle ist die 1824 in Mannheim als uneheliches Kind geborene Amalie Struve, eine frühe Frauenrechtlerin und kämpferische Demokratin. Wegen ihrer aktiven Beteiligung an der Märzrevolution von 1848/1849 saß sie mehr als 200 Tage in Einzelhaft. In Amerika, wohin sie 1852 mit ihrem Mann auswanderte, setzte sie sich für das Frauenstimmrecht und für Mädchen- und Frauenbildung ein. 1862 starb sie in New York nach der Geburt ihrer dritten Tochter.

„Amalie“ – Beratungsstelle für Frauen in der Prostitution / Draisstr. 1, 68169 Mannheim-Neckarstadt/West, Nähe Diakoniekirche Plus / Offene Sprechzeiten (Beratung ohne Voranmeldung): mittwochs, 9–12 Uhr / Frauencafé (medizinische Sprechstunde etc.): dienstags, 10-13 Uhr; mittwochs, 16-19 Uhr, donnerstags 10-13 Uhr / Infos: Leitung: Julia Wege, Tel. 0621-28000-0, wege@diakonie-mannheim.de  (dv)