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Die Königin von Saba

Auch die Begegnung der Königin von Saba mit König Salomon ist von Künstlern vielfach gestaltet worden. Justizrätin Margit Fleckenstein, Präsidentin der Landessynode, hat am 20. März 2011 in der Melanchthonkirche eine Predigt über dieses Thema gehalten.

Predigt am 20. März 2011

in der Melanchthonkirche in Mannheim/Neckarstadt-Ost

 

Matthäus 12,38-42

 

Liebe Gemeinde!

 

Die Geschichte, die Sie als Lesung gehört haben[1], ist einer der ungepredigten Texte des Alten Testaments. Es gibt nur eine einzige Begebenheit aus dem Leben der Königin von Saba, von der wir aus dem Alten Testament wissen. Doch diese Begebenheit ist derart legendär, dass sie gleich zweimal erzählt wird: im 1. Buch der Könige und im 2. Buch der Chronik.

 

Außergewöhnlich schön und sehr reich soll sie gewesen sein, klug und politisch ziemlich einflussreich - die Königin von Saba.

 

Saba war über 1.500 Jahre lang ein blühendes Königreich im Gebiet des heutigen Jemen. Das Land hatte eine strategisch günstige Lage und war ein Reich voller geschickter Händler und Kaufleute. Die Königin selbst hatte großes Interesse an gut funktionierenden Handelsbeziehungen zu den Nachbarländern, denn das brachte Geld ins Land. Kein Wunder also, dass die Königin von Saba hellhörig wurde, als sie erfuhr, dass es in Israel einen noch reicheren König geben solle, dessen Weisheit zudem viel gerühmt wurde. Diesen Mann - nämlich Salomo - wollte sie sehen. So kam sie um 950 v.Chr. mit großem Gefolge und wertvollen Gastgeschenken nach Jerusalem und wurde von Salomo mit Prunk empfangen.

 

Das ist eine Geschichte so opulent und prächtig wie ein Märchen aus 1001 Nacht: Wir sehen die Karawane auf der legendären Weihrauchstraße vor uns mit hochbeladenen Kamelen, die unter ihrer Last von Gold und Elfenbein, Edelsteinen und erlesenen Gewürzen ächzen. Alles dreht sich um eine Königin, nicht um ein armes Mädchen aus Nazareth oder eine gekrümmte Frau oder bittende Witwe. Nein, hier kommt eine Frau aus einem paradiesischen Land mit großen Schätzen, eine Frau mit Macht, Prestige und hoher Bildung, denn schließlich will sie Salomo auch einem intellektuellen Test unterziehen. Sie weiß um ihre Möglichkeiten. Sie ist sich ihrer Begabungen bewusst und hat etwas zu bieten. Ja, auch ein erotisches Knistern liegt in der Luft bei dem Bericht vom Besuch der Königin von Saba bei König Salomo. Ich stelle mir vor: Es sind lange Abende am Beduinenfeuer, wenn es in der Wüste kalt und dunkel wird,  an denen solche orientalische Geschichten gesponnen werden - fantastisch, farbenfroh und sinnlich, mit immer neuen Ausschmückungen. Kein Wunder also, dass die Geschichte der Königin von Saba bis heute im ganzen jüdisch-christlich-arabisch-afrikanischen Raum weit verbreitet ist und in immer neuen Varianten erzählt wird.

 

Sie werden sich vielleicht fragen, warum ich als Lesung gerade diesen Text über die Königin von Saba ausgewählt habe. Hören wir auf den uns für heute vorgegebenen Predigttext aus dem Evangelium nach Matthäus im 12. Kapitel Verse 38 bis 42!

 

Da fingen einige von den Schriftgelehrten und Pharisäern an und sprachen zu ihm: Meister, wir möchten gern ein Zeichen von dir sehen.

Und er antwortete und sprach zu ihnen: Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden, es sei denn das Zeichen des Propheten Jona.

Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.

Die Leute von Ninive werden auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr als Jona.

Die Königin vom Süden wird auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und wird es verdammen; denn sie kam vom Ende der Erde, um Salomos Weisheit zu hören. Und siehe, hier ist mehr als Salomo.

Liebe Gemeinde! Jesus selbst stellt uns neben den Menschen von Ninive die Königin von Saba als Vorbild vor Augen. Er malt uns sogar aus, wie die Königin von Saba beim Jüngsten Gericht die Menschen verdammen wird, die sich der Erkenntnis Gottes entzogen haben. Eine Gerichtsszene. Ein krasserer Gegensatz zu der märchenhaft anmutenden Geschichte vom Besuch der Königin von Saba bei Salomo ist kaum vorstellbar.

Die Königin von Saba ist ein gutes Beispiel für das heutige interkulturelle Leben. Sie kam damals auf einer beschwerlichen Reise vom Ende der Erde; mehrere Jahre wird das gedauert haben. Sie hat Salomos Weisheit geprüft. Sie hat aufmerksam und offensichtlich beeindruckt alles wahrgenommen: den Palast, die Sitten und Gebräuche, die Kultur, die am Hof Salomos herrscht, die Machtstruktur, die er um sich aufgebaut hat, die Kultiviertheit seiner Dienerschaft, seine religiösen Riten und den sakralen Kult im Tempel. Hier nimmt unser biblischer Bericht eine erstaunliche Wendung; denn - anders als im Märchen – wird jetzt nicht erzählt: „und die Königin von Saba wurde blass und grün vor Neid und sann fortan, wie sie Salomo schaden könnte.“ Nein, vielmehr bestätigt sie: Es ist wahr, was ich in meinem Land von deinen Taten und deiner Weisheit gehört und was ich eigentlich für übertrieben gehalten habe. Und: sie erkennt Gott als den Geber der Gaben, die Salomo geschenkt waren: „Gelobt sei der Herr, dein Gott, der an dir Wohlgefallen hat, so dass er dich auf den Thron Israels gesetzt hat!" Das Besondere wird deutlich, wenn man sich klarmacht, was diese exotische Besucherin gerade nicht sagt. Sie sagt nicht: Gelobt seiest du und deine Familie, die dich hervorgebracht hat! Nicht: Gelobt seien dein blaues Geblüt oder deine Goldminen! Nicht: Gelobt seien deine Ammen und Lehrer, deine Fachhochschulen oder Universitäten, die aus dir einen so klugen Mann gemacht haben! Das alles sagt sie nicht. Stellen Sie sich diese Ungeheuerlichkeit einmal vor: Die Königin sagt: Gelobt sei der Herr, dein Gott! Es ist nicht ihr Gott. Salomos Gott ist ihr fremd; in Saba verehrt man viele Götter. Die Königin geht  über sich selbst hinaus, über ihre eigene Denk- und Empfindungsweise, über die eigenen bisherigen Vorstellungen, die in ihrem Leben Gültigkeit hatten und ihr Orientierung gaben. Gelobt sei der Herr, dein Gott!

Ganz anders die Menschen zur Zeit Jesu. Sie verlangten Gottesbeweise, statt in dem sichtbaren und hörbaren Jesus selbst Gott zu erkennen. Auch die Menschen heutzutage verlangen Gottesbeweise. Sie prüfen und befinden über unseren christlichen Glauben auch nach unserem Verhalten, wie glaubwürdig wir sind. Wir alle sind mit auf dem Bild, das sich die Menschen vom Christentum machen. Wir sind mit unserer gesamten Lebensführung Zeugen des Evangeliums Jesu Christi. Dabei dürfen wir uns gerne an die Königin von Saba erinnern. Wir können von ihr einiges lernen:

Sind wir offen für die Begegnung mit dem lebendigen Gott? Erkennen wir ihn in den Gaben, die wir selbst haben oder die wir an den anderen Menschen haben? Erkennen wir ihn in dem Vielen, was wir als so selbstverständlich ansehen? Das Leben, das Bunte. Das Helle. Das Schöne. Können wir uns noch mit allen Sinnen, die uns von Gott geschenkt wurden, daran erfreuen? Sind wir Gott täglich dankbar dafür? Nutzen wir unsere Gaben als Zeugen unseres christlichen Glaubens?

Wenn wir dies bedenken, so verstehen wir: Entzieht euch nicht der Gotteserkenntnis im lebendigen Wort Gottes, das durch den Heiligen Geist zum rettenden Glauben führt! Ihr habt im Evangelium Jesu Christi doch den größten Schatz, den Menschen haben können. Ihr müsst euch nur öffnen für die Momente, in denen Gott in euerem Leben aufscheint. Seht, hier ist mehr als Salomo!

Jesus geht es in unserem Text um die Ablehnung von Zeichen, die zur Gotteserkenntnis führen sollen. Er macht in seiner Rede einen gedanklichen Sprung von den Zeichen zu den Menschen, die den rechten Weg ins Leben gefunden haben und dadurch Vorbilder sind. Dass er überraschenderweise die Leute von Ninive und die Königin von Saba nennt, war eine ungeheure Provokation für die Pharisäer und Schriftgelehrten; denn weder die Leute von Ninive noch die Königin von Saba gehören zum jüdischen, zum auserwählten Volk Gottes.

 

Was haben nun aber die Bewohner von Ninive und die Königin von Saba gemeinsam?

 

Die Reise nach Jerusalem ist für die kluge Frau zu einer Pilgerreise geworden. Sie hat erkannt, wer der Gott Israels ist, ein Gott, der seinem Volk in ewiger Liebe zugetan ist. Mit dieser Gotteserkenntnis kehrt sie nach Hause zurück.

 

Und die Leute von Ninive. Was durch den Auftritt des Propheten Jona in Ninive geschah, ist ebenso spektakulär wie das Gottesbekenntnis der Königin von Saba. Die große Stadt Ninive war über viele Jahrzehnte die Hauptstadt des Assyrerreiches, jenes Volkes, das das Volk Israel niedergeschlagen und beherrscht hat. Ein Zentralheiligtum der Göttin Ischtar zog Menschen von nah und fern in seinen Bann. Ninive ist für das Volk Israel ein Symbol für Fremdherrschaft, Götzenanbetung und unmoralischen Lebenswandel. Umso erstaunlicher ist, was der Prophet Jona durch seine Predigt bewirkt hat. Er kündigt auf Gottes Geheiß den Untergang der Stadt an. Zu seiner Überraschung nahm der fremde König seine Worte ernst, obwohl es gar nicht sein Gott war, der den Untergang androhte. Der König geht mit gutem Beispiel voran, fastet und ruft sein Volk zur Umkehr. Er vertraut auf die Barmherzigkeit des fremden Gottes. Und siehe da: sein Vertrauen wird bestätigt. Gott lässt von seinem Vorhaben ab, weil die Leute von Ninive umgekehrt sind und den Weg ins Leben gefunden haben.

 

Äußerlich haben die Leute von Ninive keinen weiten Weg zurückgelegt wie die Königin von Saba. Aber der Weg, den sie innerlich zurückgelegt haben, war weit und hat sie Anstrengung und Mühe gekostet. Im Vertrauen auf Jonas Predigt haben sie sich völlig von ihrem gewohnten Leben gelöst. Sie haben ein vierzigtägiges Fasten, Beten und Innehalten auf sich genommen und schließlich erkannt, dass ihr bisheriges Leben in den Tod führt. Sie haben ganz darauf vertraut, dass der Gott Israels ein gnädiger Gott ist. So sind sie durch die Begegnung mit dem lebendigen Gott zu neuem Leben aufgebrochen.

 

Um in ein gottgefälliges Leben zu finden, zu dem Jesus uns ruft, müssen wir uns tatsächlich selbst auf den Weg machen: Heraus aus dem Alltag, aus unseren vertrauten Bezügen, aus allem, was uns umgibt und lieb und wert ist. Dieser Weg ist lang und mitunter beschwerlich, er verlangt Durchhaltevermögen und Mut. Viele Menschen unserer Zeit entdecken für sich die alte christliche Tradition des Pilgerns und wählen den Weg der Königin von Saba. Über mehrere Tage oder Wochen tatsächlich einen Weg zurückzulegen, hilft ihnen, sich und ihr Leben aus dem Abstand mit den Augen Gottes ansehen zu können.

 

Andere wählen den Weg der Leute von Ninive. Sie bedenken im Gebet ihr Leben. Das kann totale Umkehr bedeuten. Wir mögen manchmal das Gefühl haben, im Zug zu sitzen und in die falsche Richtung zu fahren, aber wir haben es uns zu gemütlich eingerichtet, um auszusteigen. Jedes Gebet ist ein Weg ins Leben: Ich lasse meinen Alltag und mich los mit allen meinen Gedanken und Gefühlen und halte mich Gott hin, tauche ein in den Raum seiner Barmherzigkeit und Liebe. Nur plötzliche, geistesblitzartige Gotteserkenntnis auf besondere Zeichen hin geht nicht. Zumindest führen sie nicht auf den Weg, den Jesus uns weist. Der dauert wohl ein Leben lang. Aber wenn wir uns angewöhnen, ganz aufmerksam zu sein, werden wir immer wieder bei uns und um uns herum deutliche Spuren von Gottes Liebe zu uns Menschen entdecken.

 

Liebe Brüder und Schwestern! Über tausend Jahre nach der Begegnung zwischen der Königin von Saba und Salomo macht sich ein Mann aus Äthiopien auf die gleiche weite Reise. Es ist einer von den Großen des königlichen Hofes, der Kämmerer, von dem die Apostelgeschichte erzählt. Ich denke mir: Die Erinnerung an jene Reise der Königin zu Salomo war im Volk nicht erloschen. Von jenen Zeiten her war noch immer die Kenntnis vom Gott Salomos vorhanden. Der Kämmerer kommt nach Jerusalem, um im Tempel den Gott Israels anzubeten. Da ist kein Salomo in all seinem Glanz. Da herrscht der römische Landpfleger über ein unterjochtes Volk. Noch auf der Heimreise ist der Kämmerer in das Studium der Heiligen Schriften vertieft. Aber die Begegnung mit dem Apostel Philippus führt zu seiner Taufe. Da hat er Jesus gefunden, den, der mehr ist als Salomo. Und er zog seine Straße fröhlich.

 


[1] 1. Könige 10, 1 – 13.

[ Eintrag von: Ekma ]

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