Meditation zum Labyrinth der Kathedrale von Bayeux
(Vincenzo Petracca, Mannheim, Lutherkirche, 20.1.2013)

Jesus Christus spricht im Johannesevangelium 14. Kapitel:
Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich! Wohin ich gehe den Weg dorthin kennt ihr.
Thomas sagt zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir den Weg kennen?
Jesus sagt zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Amen.
Auch wenn an einmal am Rande steht
kann man erstaunliche Blicke auf die Mitte werfen
und bisher unbekannte Wege ausfindig machen
Das Labyrinth gehört zu den ältesten symbolischen Zeichen der Menschheit. Auch im Christentum finden sich schon früh Labyrinthe. Eine der ältesten erhaltenen Kathedralen der Welt ist die im Jahr 324 erbauten Basilika in EI Asnam in Algerien. Dort gibt es ein Bodenmosaik mit einem Labyrinth. In der Gotik fand das Labyrinth Einzug in die Bodengestaltung der Kathedralen. Die Menschen, die zur Kirche kamen, konnten das Labyrinth begehen und dabei über sich selbst und das Leben nachdenken. Abgebildet sehen Sie das Labyrinth der Kathedrale von Bayeux in der Normandie. Es ist für ein gotisches Labyrinth ungewöhnlich. Es wurde nicht im Hauptschiff der Kathedrale gebaut, sondern im Kapitelsaal. Es hat einen Durchmesser von nur 4 m und ist nicht zum Begehen gedacht, sondern als Dekoration. Auch das Material ist ungewöhnlich: farbig glasierte Ziegel. Es hat eine faszinierende Symmetrie. Ganz außen und in der Mitte wird der ganze Radius umlaufen. Das Labyrinth wird somit zweigeteilt: in einen äußeren und in einen inneren Weg.
Das Geheimnis vom Weg hinein
Das Labyrinth ist ein Hinweis darauf, dass der Weg des Menschen zu seiner eigenen Mitte ein anspruchsvoller Weg ist. Rasch und billig ist hier nichts zu haben. Wer wirklich sich selbst erfahren will. Wer den Sinn des Lebens erfahren will. Wer etwas von Gott erfahren will: Der muss wissen, dass er sich auf etwas einlässt. Ohne die Bereitschaft, den Weg mit all seinen Biegungen und in seiner ganzen unbekannten Länge auf sich zu nehmen, geht nichts.
Das Labyrinth ist ein Symbol des Lebens. Unser Leben ist oft genug geprägt von Unvollkommenheit. Leid. Entfremdung. Verwirrung. Krise. Erfolglosigkeit. Fehlern. Umwegen. Durststrecken.
Das Labyrinth ist eine Ermutigung an uns. Es ist eine Einladung, sich auf den Weg zu machen. Es will ermutigen, zu gehen, zu gehen und zu gehen. Unermüdlich weiterzugehen, weil es ein Ziel gibt: Am Ende des Weges wartet die Mitte.
Jesus sagt: Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich!
Thomas sagt zu ihm: Wie sollen wir den Weg kennen?
Jesus antwortet: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.
Das Geheimnis vom Weg heraus
Das Labyrinth hat zwei Wege: den Weg hinein in die Mitte, und den Weg heraus aus der Mitte. Der griechische Held Theseus besiegt nach einer klassischen Sage in einem kretischen Labyrinth ein Ungeheuer, den Minotaurus. Theseus braucht keine Hilfe, um in der Mitte des Labyrinths den Minotaurus zu finden. Er braucht indes den Faden der Ariadne, um nach der Heldentat wieder den Weg aus dem Labyrinth heraus zu finden.
Es ist leichter zu einer Heldentat aufzubrechen als zur Ausdauer. Der Weg hinein ist ein starker, ein hoher, ein spannender Weg auf ein Ziel zu. Der Weg heraus ist ein stiller, ein niedriger, ein geduldiger Weg.
Man kennt ihn schon, und doch ist er wieder lang. Für manche zu lang. Aber es braucht diese Zeit. Es braucht diesen Weg zurück, um die bisherigen Erlebnisse zu bedenken und zu verinnerlichen. Wer den Weg heraus für unwichtig hält, eilt vielleicht als Held von Abenteuer zu Abenteuer. Aber er wird dabei doch nur unruhiger, unzufriedener und auch liebloser.
Der Weg heraus ist der Weg nach Hause. Das Abenteuer ist vollbracht, Erkenntnis ist gewonnen, aber jetzt erst kommt das Wichtigere. Wer aus der Labyrinthmitte herauseilt, über alle Begrenzungen steigt, und dabei meint, dass ja die Mitte erreicht und damit alles schon erledigt ist, der irrt. Er hat einen wichtigen Teil versäumt. Denn der Weg heraus führt zur Geduld, zur Gelassenheit, zur Langmut, zur Milde und zur Güte.
Auch wenn an einmal am Rande steht
kann man erstaunliche Blicke auf die Mitte werfen
und bisher unbekannte Wege ausfindig machen
Wer in das Labyrinth tritt, hat oft Angst. Es ist ungewiss, ob der Weg überhaupt bewältigbar ist. Es ist ungewiss, was einen erwartet. Sinn oder Sinnlosigkeit? Alles oder Nichts? Die Liebe oder das Biest?
Das Geheimnis des Todes ist eng mit diesen Fragen verbunden. Die Raupe löst sich auf und wird zum Schmetterling. Der Same fällt in die Erde, stirbt und wird zum Baum. Was ist mit uns, wenn wir sterben? Wo endet das Labyrinth wirklich?
Der Weg in das Labyrinth ist ein Weg in die Unterwelt. Der Weg aus dem Labyrinth heraus hat den Charakter einer Geburt. Man tritt hinaus ans Licht. Das Labyrinth ähnelt auch anatomisch ein wenig einer Gebärmutter.
Für die Bibel ist innere Wiedergeburt wichtig. Jesus sagt im Johannesevangelium:
"Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen (Joh 3,3).
Auch wenn an einmal am Rande steht kann man erstaunliche Blicke auf die Mitte werfenund bisher unbekannte Wege ausfindig machen. Das Labyrinth als Symbol für den menschlichen Lebensweg ist die zentrale Bedeutung des Labyrinths.
Wer ein Labyrinth betritt, hat das Ziel bereits vor Augen. Die Distanz scheint nur kurz zu sein. Doch der Weg führt um die Mitte herum, und dann sogar immer weiter weg. Hinaus in die Wirrungen des Labyrinths. Langsam stellt sich die Frage ein, ob man überhaupt noch auf dem richtigen Weg ist. Ob es noch sinnvoll ist, weiterzugehen, wo das Ziel doch schon längst aus den Augen verloren ist.
Die Distanz zwischen Ausgangspunkt und Ziel misst bei dem Labyrinth von Bayeux gerade einmal 2 m. Tatsächlich ist der Weg 40mal länger. Auch die Israeliten irrten 40 Jahre durch die Wüste.
Und es gibt auf diesem Weg keine Abkürzungen. Es muss alles gegangen, alles erfahren sein. Die einzige Alternative wäre stehen bleiben, den Weg verweigern. Aber das führt sicher nicht zum Ziel. Nichts kann ausgelassen werden. Nichts übersprungen werden. Keine Biegung und kein Umdenken. Keine gute und keine schlechte Erfahrung. Kein Tag und kein Schritt. Man geht und geht und hat doch das Gefühl, jedes Vorwärts führt zurück.
Unser Labyrinth zieht elf Kreise. Elf ist in der christlichen Zahlensymbolik die Zahl der Unvollkommenheit. Man geht den Weg zur Mitte immer als unvollkommener Mensch, mit allen Fehlern und Irrtümern. Aus diesem Horizont kann keiner ausbrechen. Auch die nicht, die sich auf eine ehrliche und gläubige Suche begeben. Unvollkommenheit, ja Schuld gehören zum Weg des Menschen.
Irgendwann gelangt man im Labyrinth praktisch dort an, von wo man aufgebrochen ist. Kein Fortschritt ist zu erkennen. Weit ist man gegangen, und nun ist man wieder fast beim Punkt Null, beim Ausgangspunkt. Aber jetzt biegt der Weg wieder zur Mitte. Und urplötzlich, unvermutet schnell, ist man am Ziel: in der Mitte!
Keiner ist so nahe, dass er nicht sehr weit weg kommen kann.
Keiner ist so weit weg, dass er nicht zur Mitte finden kann.
Nicht ein bestimmter Abschnitt des Weges ist ausschlaggebend,
sondern der ganze Weg Nähe und Ferne. Anfang und Ende.
Meditationsanweisung
Sie hören jetzt Meditationsmusik. Gehen Sie dabei in Ruhe den Weg des Labyrinthes nach. Sie können es mit dem Finger tun. Wenn Sie Erfahrung haben, können Sie den Weg des Labyrinths auch mit dem Augen folgen.
Vom Eingang zur Mitte. Der Weg hinein.
Von der Mitte wieder zurück zum Ausgang. Der Weg hinaus.
Wenn Sie wollen, können Sie sich auch einfach so in das Labyrinth vertiefen. Mit Ihren Gedanken. Mit Ihren Gefühlen. Nehmen Sie sich Zeit. Ruhe. Geduld. Gelassenheit. Folgen Sie dem Weg des Labyrinthes.
Meditationsmusik
Jesus sagt: Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich!
Thomas sagt zu ihm: Wie sollen wir den Weg kennen?
Jesus antwortet: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.
um 11.00 Uhr, Lutherkirche
GD, Böffert
um 12.00 Uhr, Lutherkirche
Mittagsandacht,
um 09.30 Uhr, Melanchthonkirche
AbendmahlsGD, Petracca/ Gärtner
05.06.2013 - Mittwoch - 19:00 Uhr
Neuer Konfirmationskurs
Anmeldetermin
Anmeldung für den Konfirmandenjahrgang 2013/14 ist am 5.6.2013 um 19 Uhr im Melanchthonhaus.
09.06.2013 - Sonntag - 11:00 Uhr
Gottesdienst Plus mit dem MAZ und dem KDA
Besondere Gottesdienste an der Diakoniekirche
Unter dem Motto aus Bert Brechts Dreigroschenoper " und die im Dunkeln sieht man nicht!" gestalten der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt (KDA) und das Mannheimer Arbeitslosenzentrum (MAZ) gemeinsam einen thematischen Gottesdienst mit kleinen Textimpulsen, die die heutige Situation von Arbeit und Arbeitslosigkeit vorstellen
23.06.2013 - Sonntag - 11:00 Uhr
Gottesdienst Plus: Reif für die Insel?
Besondere Gottesdienste an der Diakoniekirche
alltagsnah, verständlich, kurzweilig
