Predigt zu Jesaja 49,1-6 (23.09.2012)
Pfr. Dr. Vincenzo Petracca, Melanchthonkirche, Mannheim-Neckarstadt
Predigttext (Einheitsübersetzung):
1 Hört auf mich, ihr Inseln, merkt auf, ihr Völker in der Ferne! Der Herr hat mich schon im Mutterleib berufen; als ich noch im Schoß meiner Mutter war, hat er meinen Namen genannt. 2 Er machte meinen Mund zu einem scharfen Schwert, er verbarg mich im Schatten seiner Hand. Er machte mich zum spitzen Pfeil und steckte mich in seinen Köcher. 3 Er sagte zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, an dem ich meine Herrlichkeit zeigen will. 4 Ich aber sagte: Vergeblich habe ich mich bemüht, habe meine Kraft umsonst und nutzlos vertan. Aber mein Recht liegt beim Herrn und mein Lohn bei meinem Gott. 5 Jetzt aber hat der Herr gesprochen, der mich schon im Mutterleib zu seinem Knecht gemacht hat, damit ich Jakob zu ihm heimführe und Israel bei ihm versammle. So wurde ich in den Augen des Herrn geehrt, und mein Gott war meine Stärke. 6 Und er sagte: Es ist zu wenig, daß du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht für die Völker; damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht.
Vom Mutterschoß bis zu den fernsten Inseln dringt die Botschaft der Liebe und des Friedens
Liebe Schwestern und Brüder,
Mutterschoß. Geborgenheit. Berufung im Mutterleib. Bestimmung vom ersten Moment des Lebens an.
Mit diesen Bildern beginnt unser Predigtext. Es ist darin von einem Namenlosen die Rede. Er nennt sich selbst "Gottesknecht". Der Gottesknecht wurde schon vor seiner Geburt erwählt. Gott hat ihn zu einer Aufgabe bestimmt, die für alle Menschen von größter Bedeutung ist. Geborgenheit im Mutterschoß. Wir haben gerade zwei Kinder getauft. Vor kurzem waren sie noch im Mutterschoß geborgen. Von Fruchtwasser umhüllt. Mit Wasser haben wir auch getauft. Das Wasser steht für Geborgenheit: Gottes Macht möge sie umhüllen! In der Taufe haben wir sie Gott und seinem Schutz anvertraut.Mehr noch: In der Taufe feiern wir, dass jeder Mensch eine Berufung hat. Schon von Mutterleib an hat er eine Bestimmung für sein Leben. Gott hat für jede und jeden von uns eine Aufgabe! Eine ganz unverwechselbare Aufgabe. Unsere persönliche Lebensaufgabe. Gott rüstet uns zu dieser Aufgabe zu, begabt uns mit den Fähigkeiten, die wir brauchen. Er gibt uns seine Kraft. Aus Liebe hat Gott uns ins Dasein gerufen und führt uns durch das Abenteuer unseres Lebens.
Es ist, als spräche Gott zu unseren Täuflingen (nach Kurt Marti): "Als du gezeugt wurdest, wurden nicht deine Eltern gefragt. Auch du selbst wurdest nicht gefragt. Nur einer wurde gefragt: ich. Und ich, ich sagte Ja zu dir." In der Taufe sage ich von neuem Ja zu dir. Aus Liebe sage ich Ja. Und ich erneuere dieses Ja jeden Tag. Bei mir bist du behütet. Bewahrt und getröstet, wie im Mutterschoß.
Ganz ähnlich spricht Alexanders Taufspruch von Gottes guten Mächten: "Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf Händen tragen" (Ps 91,11f.).
Gottes Bejahung ermöglicht Leben. Gottes Schutz ermöglicht Vertrauen. Wir können unser Leben Gott anvertrauen. Ganz so wie es in Leonies Taufspruch ausgesprochen ist: "Ich bleibe stets an dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand. Du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich schließlich in Ehren an" (Ps. 73,23f.).
Erwählung im Mutterschoß. Unser Predigttext steht im Alten Testament, in Buch des Propheten Jesaja. Er erzählt von der Berufung und Erwählung des Gottesknechtes und von seiner Lebensaufgabe. Er soll den Namen Gottes heiligen, indem er Recht und Weisung bringt. Er soll dem Volk Israel die Wege zum Leben zeigen, das Volk in Liebe an Gott binden. Entsprechend dem Doppelgebot der Liebe: Liebe Gott und den Nächsten! Wird diese Liebe das tragende und gelebte Gesetz, so kommt Israel als Gottes Volk zu seiner Bestimmung. Aber der Auftrag des Gottesknechtes scheint zu scheitern. Er klagt, "für nichts" hat er seine Kraft verzehrt. Man hört nicht auf ihn. Sinnlos und vergeblich ist seine Aufgabe.
Wie passt dies zu seiner Berufung bereits vor seiner Geburt? Sollte Gott sich geirrt haben? Sollte der Gottesknecht sich vor dem ganzen Volk lächerlich gemacht haben, indem er sich auf einen göttlichen Auftrag beruft?
In diese Selbstzweifel des Gottesknechtes hinein ergeht ein neuer Auftrag. Und der ist besonders! Erwartet hätte man vielleicht, dass Gott sich eines Besseren besinnt und das Unternehmen aufgibt. Und, hätte das ungehorsame Volk nicht auch eine Strafe verdient?
Aber, welcher Mensch versteht schon Gottes Gedanken? Und, welcher Mensch weiß schon, was das Bessere oder gar das Beste ist? Das Buch Jesaja betont an anderer Stelle: Gottes Gedanken sind nicht unsere Gedanken, und Gottes Wege sind nicht unsere Wege (Jes 55,8f.). Kurzum: Gott storniert den Lebensauftrag des Gottesknechtes nicht, sondern erweitert den Auftrag sogar. Er soll weiterhin dem Volk Israel die Botschaft der Liebe bringen, aber dies allein ist Gott zu wenig. Dies ist nur ein Anfang, denn die Sendung reicht viel weiter. Die fernsten Inseln und Nationen sollen die Wege zum Leben lernen und von der Liebe Gottes hören! Seine Sendung ist universell, umfasst alle Länder und Menschen.
Liebe Gemeinde, viele von uns kennen dies aus eigener Erfahrung: Unsere Lebensbestimmung ist nicht eine Gerade von Mutterleib an. Da gibt es Brüche im Leben. Da gibt es Niederlagen und Scheitern. Da gibt es Abschnitte, an denen man die göttliche Lebenslinie gar nicht mehr erkennt. Unser Leben ist keine mathematische Formel, die 1:1 aufgeht. Da gibt es vieles, was unverständlich ist. Vielleicht auch das ganze Leben lang bleibt.
Freilich, das ist das Eigenartige im Predigttext: Gerade im Scheitern erfüllt sich der Lebensauftrag des Gottesknechtes! Der Predigttext ermutigt uns: Gottes Gedanken sind größer als unsere Gedanken, und Gottes Wege weiter als unsere Wege. Auch Scheitern und Brüche bringen Gott nicht von seinem Lebensplan mit uns ab! Auch mit Umwegen und Sackgassen wird Gott fertig. Er sieht unseren Wegen groß und gelassen zu. Manchmal ist "Scheitern" geradezu einer der Namen Gottes.
Gott hat uns aus Liebe ins Dasein gerufen, und er begleitet uns fürsorglich auf unserer Lebensstraße, auf ebenen Straßen genauso wie auf unwegsamem Gebiet. Durch Erfolge und Niederlagen führt er uns durch das Abenteuer unseres Lebens.
Ein Gottesknecht wird im Mutterschoß erwählt, durch Scheitern hindurch erfüllt er seine Lebensaufgabe und wird so zum "Licht der Völker". Diese Geschichte erzählt uns der Predigttext. Wer ist der Namenlose? Bereits die ersten Christen haben in diesem alttestamentlichen Bibeltext eine Prophezeiung gesehen. Im Messias Jesus Christus sahen sie den Gottesknecht, dessen Sendung zunächst zu Israel ging, um dann zum Licht der Völker zu werden (Lk 2,23). Er ist der Lichtstrahl, der den Weg des Lebens weist und viel Dunkel hell macht.
Liebe Gemeinde, beim Lesen des Predigttextes blieb ich an der Sprache hängen. Gott machte den Mund des Gottesknechtes zu einem scharfen Schwert, er machte ihn zum spitzen Pfeil (V 2). Worte aus der Sprache des Militärs. Es stellt sich die Frage: Wie führt der Messias seinen Austrag aus? Durch die Kraft des Schwertes? Mit Gewalt?
Zur Zeit Jesu gab es eine jüdische Gruppe, die nannte sich die Zeloten. Diese wollte in Israel das Reich Gottes auf Erden aufrichten. Dazu musste aber erst mal die römische Besatzungsmacht aus dem Land geworfen werden, denn freiwillig waren diese nicht zum Abzug zu bewegen. Hierzu erwarteten die Zeloten einen Messias, der einen Aufstand gegen die Römer anzetteln und sie militärisch besiegen würde. Sie dachten: Wenn Einsicht nicht genügt, so muss man Gewalt anwenden. Eine Verhaltensweise, die wir auch heute kennen. Zwischen Einzelnen. Zwischen Gruppen. Zwischen Staaten. Zwischen Religionen.
Wie verhält sich Jesus dazu? Wie steht er zur Forderung nach Gewalt?
Die Antwort der Evangelisten ist klar: Jesus war gewaltlos. Die Sanftmütigen hat er seliggepriesen. Er war selbst friedfertig und sanftmütig. Unser christlicher Messias ist ein Friedensstifter.
Der Gottesknecht wird nicht mit Gewalt seine Ziele durchsetzen. Die militärische Sprache im Predigttext ist zwar missverständlich, soll aber nur betonen: Durch die Macht des Wortes wirkt der Gottesknecht. Dieses Wort ist nicht leer und wirkungslos, wenn gleich der Gottesknecht es selbst so empfindet. Nein, dieses Wort hat Kraft, denn es kommt von Gott. Das Wort ist stark, so stark wie die Gewalt von Waffen. Aber es ist nicht gewalttätig und provoziert keine Gewalt.
Das Wort ist universell: Alle Enden der Welt werden es hören. In diesem Sinne ist es missionarisch. Aber es übt keinen Gewissenszwang aus. Es ist auch nicht beleidigend oder verunglimpfend. Es macht sich nicht lustig über den Glauben anderer. Es ist ein Wort, das den Völkern Licht und Heilung bringt.
An dieses gewaltlose Wort Jesu sind wir Christinnen und Christen heute gebunden, wenn wir uns über andere Religionen äußern. Respekt für den Glauben, die Schriften und Persönlichkeiten der anderen Religionen ist notwendig. Dem Imam der Al-Faruq-Moschee in der Neckarstadt-West habe ich vor wenigen Tagen Folgendes geschrieben: "Ich habe Ihr heutiges Interview im Mannheimer Morgen gelesen, in dem Sie sich von der gegenwärtigen Gewalt distanzieren. Dies begrüße ich sehr. Persönlich bin ich beschämt, wenn Christen ein beleidigendes Video über Mohammed ins Internet stellen, und verurteile dies als Pfarrer mit Nachdruck!"
Religion und Gewalt. Ein brisantes Thema. Die Bilder von brennenden Botschaften sahen wir in diesen Tagen in der Presse. Viele in der westlichen Welt denken, die Gewalt unterscheide den Islam vom Christentum. In einer unglücklich formulierten Rede hat auch Papst Benedikt im Jahr 2006 in Regensburg diesen Eindruck erweckt. Er zitierte einen Satz eines byzantinischen Kaisers, wonach der Islam vorschreibe, seinen Glauben "durch das Schwert zu verbreiten". Später hat sich der Papst von diesem Zitat distanziert. In diesen Tagen ruft er zur Verständigung zwischen den Religionen.
Jesus war gewaltfrei. Freilich, wir dürfen nicht verdrängen: Das Christentum war es keineswegs! Die Mission der Sachsen geschah durch das Schwert. Kreuzzüge, Inquisition, Hexenverfolgungen, Konfessionskriege sind nur einige Kapitel der dunklen Vergangenheit des Christentums. Zum Christentum gehört eine lange Blutspur durch die Jahrtausende. In Wirklichkeit ist es so: Christentum und Islam verbindet eine traurige Geschichte der Gewalt. Wäre es da nicht angebracht, heute gemeinsam diese Geschichte zu überwinden und vereint nach Frieden zu streben?
Zum 1. Jahrestag der Papstrede gab es eine wichtige Antwort. 138 muslimische religiöse Führer aus aller Welt antworteten dem Papst und den Führern der Christenheit in einem offenen Brief (Quelle: http://www.acommonword.com/: "A Common Word Between Us And You"; eigene Übersetzung). Ich zitiere daraus: "Muslime und Christen gemeinsam stellen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung. Ohne Frieden zwischen diesen beiden religiösen Gemeinschaften kann es keinen wirklichen Frieden in der Welt geben. Die Zukunft der Welt hängt vom Frieden zwischen Muslimen und Christen ab. Die Basis für diesen Frieden und dieses gegenseitige Verständnis ist bereits gegeben. Sie ist Teil der Grundprinzipien beider Glaubensüberzeugungen: Liebe den einen Gott und liebe deinen Nächsten. Diese Prinzipien finden sich immer wieder in den heiligen Texten des Islam und des Christentums". Soweit das Zitat.
Viele mag es überraschen: Das Doppelgebot der Liebe ist nicht nur das höchste Gebot im Christentum, sondern ebenso im Islam. Der Brief fordert auf, dieses Doppelgebot zur Basis des Dialogs zwischen unseren Religionen zu machen. Für mich ist dies ein hoffnungsvoller Ansatz für die Zukunft: Das Doppelgebot ist ein tragfähiges Fundament für eine tiefgreifende Verständigung.
Liebe Gemeinde, Bilder täuschen. Die gewalttätigen Muslime sind auch in ihren Ländern nur eine kleine Minderheit. In diesen Tagen gibt es in unserer Stadt, in unserem Land und in der ganzen Welt viele muslimische Stimmen, die zu Gewaltfreiheit und zum Dialog auffordern. Der Brief der 138 muslimischen Führer endet mit der Aufforderung: "Deshalb sollten unsere Differenzen nicht zu Hass und Streit zwischen uns führen. Lasst uns vielmehr miteinander um Rechtschaffenheit und gute Werke wetteifern. Lasst uns einander respektieren, lasst uns fair, gerecht und freundlich zueinander sein, lasst uns in einem echten Frieden, in Harmonie und in gegenseitigem Wohlwollen miteinander leben."
Diesem Zitat stimme ich voll und ganz zu. Es bleibt mir nur übrig anzufügen: So sei es! Amen und Amin.
um 12.00 Uhr, Lutherkirche
Mittagsandacht,
um 09.30 Uhr, Melanchthonkirche
GD, von Kloeden
um 11.00 Uhr, Lutherkirche
GD, Böffert
05.06.2013 - Mittwoch - 19:00 Uhr
Neuer Konfirmationskurs
Anmeldetermin
Anmeldung für den Konfirmandenjahrgang 2013/14 ist am 5.6.2013 um 19 Uhr im Melanchthonhaus.
09.06.2013 - Sonntag - 11:00 Uhr
Gottesdienst Plus mit dem MAZ und dem KDA
Besondere Gottesdienste an der Diakoniekirche
alltagsnah, verständlich, kurzweilig
23.06.2013 - Sonntag - 11:00 Uhr
Gottesdienst Plus: Reif für die Insel?
Besondere Gottesdienste an der Diakoniekirche
alltagsnah, verständlich, kurzweilig
