Der kleine Prinz trifft die Weihnachtsgeschichte - Predigt zu Lk 2,1-20

(Pfarrer Vincenzo Petracca; Melanchthonkirche Mannheim, Heilig Abend 2012)


Liebe Festgemeinde,

man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.

Das ist der Kernsatz des kleinen Prinzen. Unsere Theatergruppe hat ihn uns gerade eindrücklich nahe gebracht.

Man sieht nur mit dem Herzen gut. Was sehen die einzelnen Akteure in der Weihnachtsgeschichte? Was hören sie? Und, wie sehen und hören sie? Lassen Sie uns die altbekannte Weihnachtsgeschichte einmal mit diesen Fragen genauer betrachten.

Man sieht nur mit dem Herzen gut. Josef.

Josef ist ein mittelloser Zimmermann aus Nazareth. Immerhin stammt er von König David ab, wie der verheißene Messias übrigens auch. Er hat nicht nur eine weite und gefährliche Reise hinter sich: 170 km zu Fuß von Nazareth nach Bethlehem.

Auch innerlich kämpft er mit großen Erschwernissen. Er muss die bittere Kränkung meistern, dass er nicht der leibliche Vater des Kindes ist. Ein Engel hilft ihm dabei, nicht zu verzweifeln. Er tröstet ihn im Schlaf und befähigt ihn, das Kind anzunehmen. Gegen das Offensichtliche hört Josef mit dem Herzen und glaubt dem Engel.

Und wir? Verzweifeln wir, wenn die Wege des Himmels uns dunkel und rätselhaft erscheinen? Verbittern wir, wenn das Schicksal uns eine schwere Bürde auferlegt? Oder nehmen wir die Bürde an? Wie Josef das Kind.

Liebe Gemeinde, wir können darauf vertrauen, dass trotz allem unser Leben unter einer Verheißung steht. Wir können darauf trauen, dass es gute Mächte gibt, die uns durchs Leben tragen, uns trösten und Geborgenheit schenken.

Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Die Wirte.

Wegen der Volkszählung machen die Wirte das Geschäft ihres Lebens. Es gibt keine Fremdenzimmer mehr. Der Denar rollt. Nun, wenn ein reicher Herr käme, ließe sich sicher noch was machen. Gegen eine angemessene Aufwandsentschädigung, versteht sich! Aber dieser Hungerleider mit seiner Schwangeren? Tut mir leid, alles belegt! - Die Wirte erkennen nur das Sichtbare. Sie sehen nur mit den Augen. Mit den Augen des Geldes.

Einer freilich lässt sein Herz erweichen. Ein Bett hat dieser Wirt für die Hochschwangere zwar auch nicht, aber zumindest einen muffigen Viehstall…

Und wir? Wie halten wir es mit dem lieben Geld? An diesem Weihnachtsfest? Geht es nur um Geschenke und Geld? Als ich meine Viertklässler in Religion einen Wunschzettel schreiben ließ mit Dingen, die es nicht für Geld gibt, meldete sich ein rothaariger Junge in der vorletzten Bank und wandte ein: "Das geht gar nicht! Mit Geld kann man alles kaufen!"

Hat der Viertklässler recht? Welche Rolle spielt Geld in allen Bereichen unseres Lebens?

 

Man sieht nur mit dem Herzen gut. Die Hirten.

Die Hirten sind einfache Leute. Arm und übelriechend. Aber mutig. Sie schützen die Herde vor wilden Tieren, manchmal sogar vor Löwen. Sie glauben der Engelsbotschaft, lassen ihre Herde im Stich und suchen in der Nacht das göttliche Kind. Der gesunde Menschenverstand mag ihnen gesagt haben: Das ist barer Unsinn! Der Retter der Welt kommt in einem Palast zur Welt. Nicht in einem Stall, stinkend wie wir selbst. Aber sie vertrauen dem Licht aus der Höhe, dem strahlenden Engel und machen sich auf die Suche. Sie hören mit dem Herzen.

Und wir selbst? Sind wir wie die Hirten bereit, unsere alten Anschauungen bei den Schafen zurück zu lassen und uns auf die Suche zu machen. Auf die Suche nach dem göttlichen Kind. Suchen wir es dort, wo es niemand erwartet: am Rande? Nicht im Rampenlicht, sondern im Unscheinbaren und Unansehnlichen? Oder zählen wir nur unsere Schafe? So wie der Geschäftsmann im kleinen Prinzen sinnentleert die Sterne zählt. Dieses Weihnachtsfest verspricht uns: Wir können dem Licht der Verheißung vertrauen!

 

Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Augustus.

Augustus ist der erste römische Kaiser. Sein Machtbereich umfasst beinahe die ganze damals bekannte Welt. Sein Titel lautet "Retter und Herr". Ein Titel, den die Engel indes nicht ihm, sondern dem wehrlosen Kind in der Krippe zusprechen. Er verfügt eine Volkszählung im ganzen Imperium. Weshalb lässt er sein Riesenvolk zählen? Es geht ihm weder um Statistik noch um Mathematik. Die Leute sollen in Steuerlisten eingetragen werden, denn der Kaiser will mehr Steuern. Brutal presst er die unterworfenen Völker aus. Er ist ein gnadenloser Militärherrscher, verbreitet Angst und Schrecken im gesamten Imperium und nennt das scheinheilig den "römischen Frieden". Ein schöner Friede ist das: die Grabesruhe über den Schlachtfeldern. Augustus sieht mit den Augen der Macht und der Gier. Sein Herz ist verstockt. Er weint nicht Tränen, sondern Blut.

Und wir? Wie halten wir es mit den eiskalten Machthabern dieser Welt? Deutschland ist Europameister im Waffenexport. Ein sehr zweifelhafter Titel. Wir liefern soviel Waffen wie noch nie an diktatorische Regime. In 64 dubiose Länder liefern wir. Todbringendes wird skrupellos in Krisenregionen exportiert. Und wie schon bei Augustus verwendet die Politik eine scheinheilige Sprache! Die Bundesregierung bezeichnet dies als Beitrag zum Frieden. Man schaffe "Stabilitätsanker". Stabilitätsanker? Aber sicher nicht für den Frieden, in Wirklichkeit geht es nämlich um Milliardengeschäfte. Auf Kosten der Ärmsten der Armen, denn jeder Euro, den ein Entwicklungsland für Waffen ausgibt, fehlt der Entwicklung dieses Landes.

 

Man sieht nur mit dem Herzen gut. Maria.

Maria ist ein Mädchen von 14 oder 15 Jahren. Hochschwanger und kompromisslos. Zwar ist sie erfüllt vom Heiligen Geist, aber auch ihr schenkt der Himmel nichts. Kurz vor der Niederkunft muss sie eine qualvolle Reise nach Bethlehem unternehmen. Dort muss sie für einen Viehstall zur Geburt geradezu dankbar sein. Hebamme? Fehlanzeige, da bleibt nur Josef.

Maria ist die Dichterin des revolutionärsten Adventsliedes überhaupt: des Magnificats. Sie, liebe Kantorei, habe es in der Marienvesper gesungen. Dieses Lied, das sogar der Zar fürchtete, verrät Marias Weltsicht: Wer das himmlische Kind in seinem Schoß trägt, dem bleibt nur die Hoffnung auf den Höchsten, der das Niedrige und Schwache erwählt. Und umgekehrt, ob das nun dem römischen Kaiser oder dem Vorstandschef der Deutschen Bank passt oder nicht: Der Höchste stürzt die Mächtigen vom Thron. Gott ist gerecht und steht auf der Seite der Hungernden, die Reichen aber gehen leer bei ihm aus. Das ist Marias radikale Sicht der Dinge. Keine ausgewogene Weltsicht, das gebe ich zu. Wie Maria dazu kommt? Es liegt an ihrem Kind. Sie schaut es mit den Augen des Herzens an und erkennt: Gott steigt vom Himmel herab und kommt in einem armseligen Stall in die Welt.

Und in unserem Land? Der neue Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung belegt es mit Zahlen: Die Reichen besitzen inzwischen mehr als die Hälfte allen Vermögens. Trotz Finanzkrise sind die Reichen in unserem Land reicher geworden. Und die Armen ärmer. Die Nationale Armutskonferenz ist ein Zusammenschluss der Wohlfahrtsverbände und der Gewerkschaften. Die Zahlen sind so alarmierend, dass die Armutskonferenz wörtlich feststellt: "Armut ist von der Politik so gewollt". Zudem wird die Mittelschicht kleiner, Teile verarmen. Freilich, dabei war es vor allem die Mittelschicht, die mit ihren Steuern die Rettungsschirme bezahlt und damit die Vermögen der Reichen in der Krise überhaupt erst gesichert haben.

Gewinne wurden privatisiert, Verluste werden sozialisiert. Eine große Gerechtigkeitslücke klafft in unserem Land, die - so glaube ich - inzwischen unseren sozialen Frieden gefährdet.

 

Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Das Kind.

Und das göttliche Kind namens Jesus? Es sieht mit den Augen der Liebe. Und es hat seine eigene Vorstellung über das Sichtbare und Wesentliche. Ähnlich dem Fuchs im kleinen Prinzen. Als Erwachsener wird Jesus in der Bergpredigt verheißen:

"Selig, die ein reines Herz haben.

Sie werden Gott schauen". Amen.